LII. Ich bin Adam und ich erinnere die Welt

(Achtes Tableau)

Alles ist Klang, ein Ton. Doch war davor ein Rhythmus, und es war nicht von der Hand zu weisen, daß die Trompeten trompten (denn trompeten kann nur der Trompeter), und die Musik sich durch das Blech schob, durchaus der Willkür des Atems gehorchend.
Ich bin Adam. Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Wenn ich aber behaupte, der einzige Mensch zu sein, dann nehme ich eine Erzählung auf, die nicht wahr sein kann. Ich wurde nicht geboren, aber ich durchlebte ein Leben, denn ich erinnere mich daran. Es gab Menschen, die mir begegnet sind. Ich sprach mit manchen von ihnen, ich berührte sie. Ich stieg auf einen Berg und betrachtete ihre Häuser, lebte selbst in einem Haus, in einem Zimmer, lag auf einem Bett und teilte Teile meines Lebens mit Lilith. Ich war nicht von Beginn an Der einzige Mensch. Ich fand sie nicht in Babylon, so sehr ich sie dort suchte.
Die getäfelten Türen und Häuserfronten, die geweißten Balkone und verzierten Erker schimmerten in einer düsteren Lieblichkeit; dann und wann tat sich eine Plaza auf mit schwarzen Säulen, Kolonnaden und den Statuen wunderlicher, menschlicher wie fabulöser Wesen. Manche der Ausblicke auf lange, schnurgerade Straßen, in Nebengäßchen hinein, oder über Spitztürme mit arabeskenverzierten Dächern hinweg, waren über alle Beschreibungen unirdisch schön.
Leute durchstreiften die geziegelten Pfade, kleine Sträßchen, die von grotesken Termen und den Schreinen einfacher Götter gesäumt waren, dort schillerten Fontänen, Teiche und Bassins, in denen sich Flammenzungen auf Bleifüßen und den Hochbalkonen spiegelten. Sie beherbergten kleine goldene Fische. Wenn der tiefe Klang vom Glockenturm des Tempels über den Garten und die Stadt zittert, treten aus den sieben Toren lange Reihen schwarz gekleideter maskierter und kapuzenverhüllter Priester, die mit ausgestreckten Armen große goldene Becken vor sich hertragen, denen ein merkwürdiger Rausch entsteigt.
Alles nur Erinnerung der Lande, nicht einmal meine eigene, denn ich kenne keine Zeit. Ich durchstreife den Dunst des Gestern und bespreche mich mit Gespenstern. Gleichzeitig sind meine Erfindungen den Gestalten der Vergangenheit gleich. Sie unterscheiden sich nicht in ihrem Tun und Denken, sie sind so wahr, so unwahr.
Ich bin Adam und ich suche die Hand in das Leben zurück, möchte mich vergewissern, daß es ein Leben gibt. Ich kenne nicht den Ort, von dem aus ich mich erinnere. Wenn ich mich bewege, kann ich mir nicht sicher sein, was sich bewegt und ob sich etwas bewegt. Wenn Zeit Bewegung im Raum ist, kann ich mich nicht bewegt haben, denn ich befinde mich in der Mitte der Unendlichkeit, an allen Orten gleichzeitig, doch niemals an einem Punkt. Sagt man, daß es Gott so ergeht? Ist er selbst in seiner Halluzination gefangen und kennt mich, nur mich als Ebenbild?- wenn Gott mich finden will, muß er mich suchen. Wenn er meinen Rat benötigt, muß er mich sprechen. Er kann ebensowenig für seine Erinnerung verantwortlich gemacht werden wie ich selbst. So werde ich ihn trösten, ich allmächtiger Mensch, tröste ihn durch meine Existenz. Und all sein Zweifeln hat ein Ende.
Ich bin Adam und ich erinnere die Welt.
Ich bin Adam und auch an das Entsetzen erinnere ich mich. In dieser Kammer, die ich niemals verlassen habe, beobachte ich weiter die Tür. Das Zeichen des Verlassens haftet ihr, Lilith, an, denn wäre sie geblieben, gäbe es meine Erinnerung nicht. Und sie löste eine Welt aus, war Schöpferin ganz alleine.
„Was der Mensch ist, sollst du wissen. Einsam für immer, Symbol des verlassenen Universums, alle Möglichkeiten gehen durch dich hindurch, verharren keine Sekunde.“
Zum ersten Mal betraten wir das Zimmer und Lilith nahm ein Bad. Sie sagte, daß wir blieben, denn das sei ein Raum ganz nach der Art, wie ich ihn mir immer gewünscht hätte. In ihr stets die Bereitschaft zur Lust, zum rausch, zur Ekstase, andererseits zum Zorn, zur Wut, zum Haß.
Dies ist ein Raum, der in der Ewigkeit verankert ist, ich blicke aus dem Fenster auf die Straße, die dort unten fließt, ein trockener staubiger Fluß, der das Leben nicht etwa nährt, sondern der es ausheckt.
„Wo aber sind wir?“
Und sie reckte mir die Beine entgegen, auf daß ich sie liebkosen sollte.

Achtes Tableau

   

       <<< zurück                weiter >>>