LVII. Ich fand dich nicht in Babylon
(Neuntes Tableau)Wir sind nur gekommen,
ein Traumbild zu sehen, wir sind
nur gekommen, zu träumen, nicht wirklich,
nicht wirklich sind wir gekommen,
auf der Erde zu leben.
- Tochihuitzin Coyolchiuhqui
Ich irrte durch den Gassenspuk. Mögen die Götter Schamach und Marduk dir immer Gesundheit verleihen. Ich sandte einen Boten aus, um mich nach deinem Empfinden zu erkundigen. Sag mir doch bitte, wie es dir geht. Ich bin in Babylon angekommen – und sah dich nicht. Ach, ich bin so traurig.
Dort, wo wir uns zum ersten Mal die Hände reichten, zitternd, weil so sehr gewollt, lauschte ich den Sängern, die mir durch den Staub den deinen Namen sangen. Myrrha. Und so hieß ihr Lied, so hießen alle Lieder mir.
Ich schritt mit Freunden durch den heiligen Hain vor den Tempeln der Mylitta; und so sehnsuchtsvoll sahen mich die Augen derer an, die wohl schon lange, vielleicht Jahre, hier zu warten hatten, aber keiner warf ich eine Münze in den Schoß, denn keine davon warst du.
„Mit Decken habe ich mein Lager bereitet, mit Tüchern aus ägyptischen Leinen. Mit duftenden Essenzen habe ich mein Bett besprengt. Mit köstlicher Myrrhe, Aloe und Zimt. Komm, wir wollen uns lieben bis zum Morgen!“
„Sieh mich an, Liebste! Ich erkenne dich durch den Nebel der Jahrtausende. Wenn du dich einmal im Leben einem fremden Manne geben mußt, weil die Kodizes davon sprechen, so will die Willkür der Götter, daß ich es bin. Sieh mich an! Ich werde dir die Münze geben, die du dann der Ischtar weihst, und du bist frei, frei zu gehen und mich erneut zu treffen in den Gassen der Stadt.“
„Ich komme mit dir, doch lieben solltest du mich nicht. Nimm, was ich dir zu geben vermag, in deine Erinnerung auf; dann suche mich nicht mehr, du würdest nur Unglück finden. Ich bin eine Dienerin der Amytis, die als Sprößling des Medischen Herrscherhauses nach Babylon gekommen war und nun so sehr an Heimweh leidet, daß man ihr einen Garten entwarf mit den fremdesten Blumen aus niedergeworfenen Welten. Dort gieße ich die Orchidee, die sich in Lust auf den Terrassen windet.“
„Dann werde ich dich von hier freien!“
„Von der Schwarzen Sonne freit man nicht.“