LVIII. Trommeln

(Neuntes Tableau)

Ich kam wieder nach Babylon. Ich habe das Unglaubliche gewagt und nun erkenne ich all das, was gleich nebenan in unserer Wahrnehmung liegt. Wenn ich mich umwende, habe ich die Jahrtausende überbrückt, und es gibt nur eine Sprache, denn alle Sprachen sind gleich, sowie die Sterne gleich sind. Mit Zeit und Raum, die man nicht in einem Atemzug benennen sollte, heben sich auch die Gedanken und Träume auf, sie benennen stets das Gleiche; wie köstlich erschien es mir, als ich bemerkte, daß die Liebe vor fünftausend Jahren nicht nur den heutigen Empfindungen glich, sondern daß sie Ein- und Dasselbe war, getrennt nur von der Annahme einer Trennung, die sich seit Anbeginn, den Beginn von Wasser und Schlamm, zu bilden ersann: Kronos, mit dem Kopf eines Stiers und der anderen Hälfte eines Löwen, aber dem Gesicht eines Mannes, der Nicht-Alternde. Mit ihm wurde die Notwendigkeit geboren, über die sich das Universum ausdehnte und seine Grenzen berührten. Ja, man nannte ihn die Zeit. Doch der letzte Uranfang war ein Gott, welcher Mann und Frau war, mit goldenen Flügeln auf dem Rücken. Wenn die Zeit unendlich ist, sind wir zu jedem Zeitpunkt im Mittelpunkt der Zeit.
Was ich für Wahnsinn hielt, war fühlbar geworden. Bin ich ein Traum, so sind wir beide Träume, denn im Traum ist das Wachen der Traum. Ein Kuß  brennt für alle Zeiten auf den Lippen, weil es unmöglich ist, daß die Momente vergehen. Jeder Augenblick währt ewig, wir müssen uns nur kraftvoll daran erinnern.
Dies ist mein Babylon der Sinne, mit Tempeln wie Perlen so strahlend und schön, mit dem Leben in seiner mysteriösen Form, der Urgrund dieser Zeit, in der ich wache. Doch wo wachst du, mein süßer Stern – oder wachen wir vieler orten, sowie wir mannigfach träumen?
Die Luftspiegelungen hier in der Wüste erinnern mich an den Tag, als alles seinen Anfang nahm. Auf diesem langen und beschwerlichen Weg hörte ich es oft wie Lamien singen, doch ich wich nicht ab von meinem Weg, da ich durch diese unendliche Bereicherung, mich der Unendlichkeit zu bedienen, erkannte, wie sich selbst Sagen und Legenden transformierten, wie sie auftauchten aus der ewigen Sphäre der Möglichkeit. Wenn man die Türe zu einem beliebigen Raum öffnet, so kann man sein Inventar nicht verleugnen.
Ich folgte diesen schauerlich-schönen Melodien nicht und erinnerte mich an die Geschichte, die davon handelt, wie eine Lamie einen jungen Philosophen betört und ihn mit in ihren Palast nimmt; wie dann der Magier, der zur Hochzeit geladen war, sie mit ihrem Namen anrief, woraufhin das Schloß augenblicklich verschwand und auch sie selbst.
Ich gestehe, daß ich an diese Geschichte nicht aufgrund der bezaubernden und verwirrenden Melodien in der Wüste dachte, sondern weil ich dich nicht finden konnte. Sagte ich zu oft deinen Namen vor mich her, um mir die lange Reise zu verkürzen, indem ich zählte, wie unterschiedlich man ihn betonen konnte? Mmyrrha, Myrrhaa, Myyra - und so fort. Hat meine Konzentration dich unerreichbar gemacht oder stieß dir etwas zu; du sprachst von geheimnisvollen Dingen, und ich war so überwältigt davon, dich verstehen zu können. Es gibt so herrliche Geschichten von der Verwirrung aller Zungen, die in dieser schönsten aller Städte aller Zeiten ihren Anfang genommen haben soll, und ich glaube, sie wurden ersonnen, um zu erklären, warum sich die Sprachen so sehr unterschieden, warum wir uns einbilden, sie unterschieden sich, so wie wir uns vormachen, die Zeit laufe hintereinander weg.
Ich kam an den Wüstensteinen vorbei, in denen sich der gefährliche Jäger Chiron eingemeißelt findet, mit seinem Menschenvorderleib und seinem Pferdehinterleib; so wies er mir den Weg, und es war mir, als verschwende er den letzten seiner Pfeile, um mir Mut zu machen, nur immer weiter zu ziehen, um dich wie eine Verheißung auftauchen zu sehen, wie an diesem Tag, an dem ich glaubte, die Luftspiegelung müsse mich verrückt gemacht haben.
Aber ich fand dich nicht, ich fand dich nicht, und all der Glanz und all die Pracht verschwanden wie ein Flimmer.
„Die Erde ist noch im Wasser, das Licht in der Finsternis und das Männliche ist im Weiblichen. Jede Bewegung hat Teil an der absoluten Bewegung, jeder Sprung hat Teil am Ursprung und kein Sprung ist jemals der Ursprung selbst.“

Die Mädchen stehen Schlange vor dem Tempel. Ein Mann geht durch die Menge und wirft eine Münze. Er muß Zu Ehren der Göttin rufen. Er ruft nicht, er sieht sie nur an, die sie da am Boden sitzt, die nach oben blickt, die ihn mit ihren Augen teilhaben läßt an ihrem Innersten. In Babylon.
Kurzgewandet, auf Zehen tanzend, die heilige Kadistu, die Arme hoch erhoben, begünstigt vom Kodex Hamurabi, bebende Münder, wundersame Glockenspiele, laut und rasend schnell, die Sonne hämmert ihren herrischen Stempel unter die zarten Füße der Mädchens. Die Luft riecht nach Lust, sie ist an ihrer dicksten Stelle geballte Liebesfähigkeit.
Den Mädchen rinnt der Tanzschweiß an den Innenschenkeln entlang, die Männer speicheln und reiben ihr Glied, manche setzen sich zu Boden und beginnen zu masturbieren, lecken an den Beinen der Huren, zucken fickend auf und ab. Oben auf den Terrassentürmen ist es noch still, halbnackte Dirnen schlängeln sich durch die Menge und versprühen Myrrhe und Zimt, Instrumente toben durch die Hitze, ihre eifernden, fremden, ekstatischen Akkorde.
Dann ist es soweit: die Mystische Hochzeit beginnt. Zunächst erscheint die Priesterkönigin, glänzend von Öl, die Dirnen beginnen die erigierten Schwänze zu reiben.
Der Blickkontakt hält stand.
„Ich bin es“, sagt der Mann. Sie schüttelt den Kopf.
„Myrrha“, ruft er, sie schüttelt abermals den Kopf.
Der Priesterkönig erscheint, sein Glied ist tätowiert und prall wie ein ausgestreckter Unterarm. Die Königin legt sich mit erhobenen und gespreizten Beinen auf den Altar und bevor der Priester in sie eindringt, uriniert sie, hält sich die Schamlippen auf. Die Menge tobt, die Mädchen lecken über die Bäuche der Männer, die bereits verspritzt haben, und als der Priester starke, heftige Stöße ausführt und die Priesterin zu schreien beginnt, er ihre Fußsohlen leckt, beginnen sich alle wahllos zu vermischen. Väter, Töchter, Söhne, Häßliche, Kranke, Lahme, Frau und Frau, Kind und Kind.
„Du bist nicht hier“, sagt sie. Trommeln und Tönen, Brüllen, Keuchen.
Diesmal schüttelt er den Kopf, er versteht nicht und nimmt langsam seine Hände vors Gesicht.
„Wer bin ich?“
Jetzt nickt sie. Trommeln und Trommeln und Trommeln, die Luft steht und stinkt nach Schweiß und Blut und Hexerei. Sie erhebt sich im Trommeln und Tosen und steigt über zuckende Leiber hinweg, wirft ihren Blick vor seine Füße, klingelt mit den Füßen, folgen soll er. Trommeln. Omnipotenz der Göttin, Ambeth, Borbeth, Wilbeth. Trommeln, Schweißregen, die Löwinnen springen durch die Luft. Auf den Terrassen tummeln sich Ziegen, Chimären. Er stolpert ihr hinterher und will sie einholen, doch so sehr er sich bemüht, bleibt der Abstand stets gleich. Es wird stiller und kühler, aber die Trommeln halten an und dann ist es Nacht. Finstere, undurchdringliche Nacht; er sieht sie nicht, er hört kein Geräusch.
Dann:
„Du bist nicht hier“, sagt sie langsam und betont aus dem Nichts heraus. Er hört ihre Stimme überlaut und mehrfach.
„Ich suche einen Freund“, will er rufen, aber er kann es nicht, kann seinen Mund nicht öffnen, die Münze liegt unter seiner Zunge und läßt sie erstarren.
„Reden ist der Tod“, sagt sie, „ich rette dein Leben.“

Neuntes Tableau

   

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