LXI. Das Ende der Welt

(Zehntes Tableau)

Gehe nicht, wohin der Weg führen mag, sondern dorthin, wo kein Weg ist, und hinterlasse eine Spur. – Jean Paul

Die Straße ging in den Horizont über, der flimmerte, als wolle er sich aufmachen, eine Halluzination aus dem Nichts zu heben. Das Ende der Welt ist eine markante Stelle, jedoch ist sie immer gleich weit von mir entfernt. Wenn ich näher komme, rückt sie zurück, schiebt das Ende, schiebt sich selbst hinaus, bedeutet mir aber, daß es verharren könnte, wenn es wollte. Warten bis ich ankomme.
Das Auto hielt; so muß er es gesehen haben. Hinter mir hält dieses Auto, ich drehe mich besser mal um. Ich bremste, um das zu tun was er schließlich wahrnehmen sollte. Ich drehe mich besser mal um.
Der Mann drehte sich um. Die Scheibe heruntergekurbelt. Fahrerseite. Ich sprach, während ich das Fenster herunterkurbelte.
„Verzeihen Sie mein Anhalten… wie komme ich nach Babylon?“
Es regnete in Strömen. Ströme regneten. Jedoch regnete es nicht dort wo wir standen, ich im Auto saß, er stand, mit einem Rechen in der Hand, in beiden Händen. Keine knotigen Hände. Das Auto kühlte in der flirrenden Hitze des strömenden Regens am Horizont.
Jetzt erst erkannte ich, wie groß er trotz seines Buckels war. Sein Gesicht uralt, wie ein Baum, ein Moostopf, ein rostiger Eimer, zwei drei Löcher im Boden, ausgefranst, Blech drumrum, der ganze Eimer aus Blech, der ganze Kerl ein Buckel.
„Da wollen Sie hin?“ fragte er und ich nickte und wartete. Der Motor war aus, ich hörte ihn knistern.
Er sagte: Adam bist du, einz’ger Mensch. Ich wußte es auch so. Im Hintergrund eine Tankstelle. Sie war verlassen, Rost an den Säulen, davor lagen Eimer aus Blech. Alle hatten sie Gesichter, aber sie bewegten sich nicht. Poröse Schläuche hingen aus Säulen, lagen in angetrocknetem Blut, das vor sehr langer Zeit aus ihren Adern pumpte, das vorher der Erde gehört hatte. Die Erde auf der wir gerade standen, ich saß, er stand, mit einem Rechen in der Hand. Das Dach eingefallen, von Unkraut umrankt.
„Was tun Sie da eigentlich?“
„Ich habe vor vielen Jahren hier einen Goldring verloren. Damals war ich noch viel jünger und konnte mich besser an ihn erinnern. Wissen Sie, wenn man älter wird, läßt einem das Gedächtnis nach und man weiß nicht mehr, wo man was verloren hat. Man muß die Jugend warnen. Verliert nicht allzuviel, muß man ihr sagen, sonst habt ihr später eine Menge Arbeit, wieder alles zusammenzuklauben. Und Sie wollen wirklich nach Babylon?“
Ich nicke erneut.
„Das ist ein weiter Weg. Aber Sie können den Spuren folgen. Sie sind nicht so schwer zu finden, wenn man weiß, wonach man zu suchen hat. Das fahrende Volk hinterläßt an alten Ruinen einen Kreis mit einem Pfeil.“
Diese Ruinen kannte ich. Ich war ihnen mein Leben lang gefolgt. Jede Erinnerung ist eine Ruine (die Zeichen an ihren Mauern nicht immer aufzufinden), bevor sie hinter einer spanischen Wand verschwindet, um sich umzuziehen. Hervor kommt die Erinnerung stets in ein trügerisches Retro-Kleid gewandet. Wenn sie will, zieht sie sich sogar Stiefel an.
„Soll ich Sie ein Stück mitnehmen?“
Er zögerte, und als ich schon glaubte, er möchte lieber seiner sinnlosen Tätigkeit nachgehen, die darin bestand, alle verlorenen Requisiten seines Lebens einzusammeln, nickte er und kam näher. Er roch nach nassem Tabak. Seinen Bart trug er wie einen toten Fuchs unter der Nase.

 

Zehntes Tableau

   

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