I. Walden
(Erstes Tableau)„Eine Geschichte, die sich nicht auf mindestens drei verschiedene Arten interpretieren läßt, kann nicht gut sein.“ – Milo Dor
Ich trug den Zorn auf den Lippen, der das Versagen kennzeichnet, kein Gott zu sein. Die Welt schmiegt sich nicht durch eine Handbewegung um die eigene Wiege, nichts zieht unsere Aufmerksamkeit mehr an als der Abgrund, das Verderben. Stell dir die Frage nicht, warum es eine Sonne gibt, die uns wärmt, die alles aus der Erde streben läßt, du wirst darüber verrückt, nicht wegen dieser Frage, sondern wegen der Fragen, die hinter dieser Frage lauern, Carlos Pikid, pragmatischer Wanderer, Zwitschervögelkenner und artenreicher Lauscher auf die Frage, wie weit die Sonne entfernt sei und was es überhaupt auf sich habe mit diesem Feuerball, den man wie die Königin Ereskigal nicht ansehen dürfe ohne dabei zu erblinden, Vater von Sebastiana der Säugenden und somit Großvater Adams. Ich lernte als erstes die Wälder wahrzunehmen, ihr sanftes Stachelgrün. Carlos zeigte mir die ersten Wunder des Rabenbrots (lieblicher: Amanita), das sich im säuerlichen Gestrüpp des strengen Gebirges zu einem Hexenkreis zusammenschloß. Mir blieb die Schönheit, ihm das Warnen vor dem Gifte, der prophetischen Gabe (und beträfe sie nur das eigene Geschlinge, was ja mehr wäre als das eigentliche Sehen ohne Staunen). Das Walden ist im abgeholzten Europa (die Prinzessin wird’s nicht gerne hören) kein Orakelsuchen mehr; durchs morgendliche Spinnwebfunkeln hinunterspähen, zwischen den Felstrauben klammernd aufreckende Tannen belauschen, die aus dem Nadelstreu ragen und in einem immergrünen Kronendach mündend Gespräche beginnen und ewig weiterweben. Carlos jedoch bestand jederzeit auf Adams Begleitung, damit er nach Hause fände, würde er sich in den Weiten der Waldmeere verfranzt wiedergefunden haben. Da ist kein Geheimnis um die Orientierung, stellt man den Interrogativsatz: „Wo warst du gestern?“, denn wo jemand diese Frage stellt, hat das Sorgen ein Ende, es sei denn, man früge einen Geist. Aber selbst der möchte sich erst einmal einstellen, vor das Aug schmieren (unscharf), um auf die Frage antworten zu können: „Am (beim, im, je nachdem) Sterben, wie du ahnst.“ Man hat schon über einen verstauchten Knöchel den Verstand verloren, möge ihn jemand finden, der besser darauf acht zu geben weiß.
Sonntag, fünf Uhr mit der Sonne, die den Tag bezeichnet: Walden. Erst an der Eger entlang durch ein Wiesengeflecht mit wasseraderverdrehten Birken aufgetupft (wo Adam zum ersten Mal Ostara-Eier fand und seitdem jedes Wunder als herrlich betrachtete, wenn es sich nicht gerade um das Wunder seiner eigenen Verletzlichkeit handelte).
Das wirst doch du gewesen sein. Eine gewaltige Anklage gegen den Mentor, hier in aller Herrgottsfrühe Eier auf die Wiese geworfen zu haben, wo er doch kaum vor Mittag aus dem Schnarchzimmer zu bewegen war, was verläßlich in Adams Erbgut übergegangen war. Der Enin Chilin (althdt.) fällt nicht weit vom Spyro. Ein albinotischer Hirsch (einer der fünf ältesten Tiere der Walisischen Tradition) ist durch seine Auffälligkeit in der Natur unterprivilegiert, doch die Kultur erklärt ihn aufgrund seines Fehlers für Heilig. Adam mußte sich nicht in Zeremonien und Tänzen als Hirsch verkleiden, er war ein Liebender, der die Welt im Gleiten verlassen konnte. Das Neue Babylon rief ihn in der Entsprechung des Faktors 1 zu 10 hoch 130.
Zumindest siehst du mich selbst ganz überrascht. Dem wunderlichen lichten Morgen tat’s keinen Abbruch, ob nun Carlos nächtlich bunte Eier ausrollte, um den Enkel für allezeit von den Fragen nach der Sonne abzuhalten (um jene nach dem Ei und dem Huhn und dem Hasen zu stellen, was Adam freilich nicht unterließ), oder ob tatsächlich der mystische Hoppelpopp seine Fruchtbarkeit dort unter Beweis zu stellen trachtete, wo der Acker reichlich Ernte versprechen sollte (Adam war zwar Hahn, was für sich sprach, aber gegen Häschen hatte er später nicht weniger einzuwenden wie gegen Hennen), spielte nur noch eine untergeordnete Rolle. Weichen sind schneller gestellt als Züge fahren, gerade im Sonnenfragealter.
Dann quer durch den Busch, wo Adam in den korrosiven Mulden lag, Moos und Schlamm kostete, sich an Kräutern den Magen verdarb (wie später auch an Amanita Muscaria, die er in der ersten Neugier samt Basidien, Sporen, Volva, Anulus, Lamellen und Hut verstaute).
Der Tau war ich, ich wurde Honig und Harz, die Nacht über den vier Flüssen Eger, Saale, Naab und Main, dem Fichtelsee. Wie die Wipfel singen wollte ich und sang bevor ich sprach, und als ich dann sprach, wollte ich von dem berichten, was ich in den Kelchen der Gladiolen fand, den Schnurrbärten der Gräser. Ich verabredete mich mit Skarabäen und der gefürchteten Waldameise zum Spiel. Dort, am Ewigen Rauschen wusch ich mir die Füße und vergrub einen Schatz (Adam übertreibt hier sinngemäß, es sei denn man ließe einen toten Kanarienvogel, eingebettet in die Blätter einiger ersten frühen Gedichte als Schatz gelten). Die Stufen der Kößeine hinauf war ich Ritter, der Blick vom Turm war ich Bussard. Mir gehörte die Schönheit des Hufeisenlandes, der Sechsämter, König der Hirsche (Zwölfender). In den hohen Gräsern der Rehauen ästen die goldenen Tiere und liebten sich für mich. Walden. Die ersten gerupften Federn im Mondlicht, Skelette kleiner Nager, die sich anschleichende Suche, man behüte den Wanderer vor Behutsamkeiten.
Adam war der angenehme Begleiter, der Carlos denken ließ, was er denken wollte, der dem Gedachten, stand es einmal vor Augen, nur in den Wald oder in die nächste Gaststätte entkommen konnte. Der junge Pilger seinerseits war träumerisch genug, sich von der Natur verschlingen zu lassen. Das Idyll regt sich durch Wanderung und Heimkehr.