XVI. Adam bin ich, einz’ger Mensch

(Zweites Tableau)

Hier sieht man, daß ein jedes Kind
Und daß die kleinen Mädchen (die schon gar,
So hübsch und fein, so wunderbar!)
Sehr übel tun, wenn sie vertrauensselig sind
Und daß es nicht erstaunlich ist
Wenn dann ein Wolf so viele frißt. – Charles Perrault

Ich habe mich wirklich an all das erinnert, und während ich hier stehe, springt mir ein Teufel ins Genick. Er meint es gut, Teufel meinen es gut, sie wollen ja alle nur, daß wir begreifen.
Adam bin ich, einz’ger Mensch.
Wie ging es los? Das Wasser konnte man nicht mehr Wasser nennen; Wasser fließen, diese Wasser flossen nicht. Sie standen in ihrer Lake, nährten keine Lurche, nicht den Schilf, und der Faulschlamm zersetzte sich nicht mehr speisend.
Tümpel waren die Bäche an ihrer tiefsten Stelle, Schiffe versenkten sich darin, der Rest: Gestein im Trockenbett. Wie mittelalterliche Pest stank die Luft. Ein geheimer Zorn lag in den Dingen, den brachliegenden Augen; alle Gräser schnitten Fleisch wenn man mit freiem Knie darüber streifte, im Sommer aus Gewohnheit, die Sonne mehr ein fahles Licht. Da wächst nichts ihr entgegen, kräuselt sich insektengleich stattdessen.
Einst die Augen aufgesperrt, um die Wunder der Welt zu sichten, liegt sie wie eine zerbrochene Puppe am Waldesrand in halb zerfetzten Kleidern, nicht wirklich spektakulär, nur wie ein Spielzeug im Dreck. Sie liegt da und ist beim Näherkommen nur Geäst, nichts weiter als Erinnerung, und ich, schon Verdorben vom Unmöglichen, sehe zu den Wolken auf, hinein in das Gesicht einer längst vergessenen Liebe, überall nur sie, in allem, was vergeht. In den Bäumen raschelt ihr Name, in jedem Gewässer ist sie Lorelei, hinabgestürzt vom Fels, auf dem sie sich kämmte und für den Tod der Seefahrer herausputzte, hinab zog’s früher nur Schiffer und Kahn (ich weiß nicht, was soll es bedeuten), jetzt mich, zum Geäst, dem Gewöll, der Blüte im Unterholz. Ihre Form hebt sich aus den Zweigen, wohin mein Blick auch schweift, ich bin verloren, war es immer. Denn es gibt merkwürdiges im großen Abgrund, und der Traumsucher muß aufpassen, daß er nicht das falsche aufstöbert oder ihm begegnet.
Ich fand in deiner Liebe alles. Ich verlor sie vor langer Zeit. Schon mit meiner Geburt war sie verschwunden, war ich der einzige Mensch, denn ohne dich war ich nie ich. Ob ich dich je kannte, das wußte ich nicht. Die Liebe im Innern eines warmen Bauches, die Liebe im Davor, wenn wir gestaltlos nur Gedanke sind, vom Leben träumen, geträumt vom Leben träumen.

 


Zweites Tableau

   

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