XXI. Wolf aus Erz
(Drittes Tableau)„Ich habe Angst!“
„Ich dachte, du glaubst nicht an derartige Dinge.“
„Das tue ich auch nicht, aber ich habe das Gefühl, daß sie trotzdem da sind.“
Stellt euch das Haus vor. Stellt euch nur das Haus vor! Ein riesiger Klotz, der so gar nicht in dieses ländliche Idyll paßt. Überall Blut, weil wieder jemand zugeschlagen hat. Folklore oder Höllenzwang. Dieser Schuppen erinnert sich daran, wie ich ihn mir als Monstrum dachte, ein Lebewesen, damals eine Höhle, Cussac, Dordogne. Ich kann mir die Zeit in ihrer Bewegung nicht vorstellen, ich kann sie mir nicht denken, wie sie fließt oder sonstirgendetwas tut. Das Haus ist das Haus, heute wie damals (und natürlich existiert es noch), alles geteert, was früher brüllender Schotter war, zum x-ten Male angestrichen, Antipode einer ranzigen Fabrik in derselben abgedroschenen Farbe, die nur ein Zustand an der Mauer ist. Ein Leichengelb durchsetzt mit schwärenden braunen Flecken.
Wie Geister blickten sie in die Kamera, Geister, die sie damals noch nicht waren. Die Fotographie beweist nicht die Gegenwart ihrer Objekte, sie bietet eine Möglichkeit, die Erinnerung mit Formen zu konfrontieren.
„Daran erinnere ich mich, an diesem Tag begab es sich, daß…, und später hat…“
„Hier sieht man ganz genau, wie…“
Wir werden angesteckt von Gefühlen, die gar nicht die unsren sind. Sie reiten wie Daunen auf den Launen der Luft. Jede Freude bekommen wir ab, die gesättigt ist mit Leidenschaft, die hektisch ist, das Versäumen evoziert. Das irritiert zeitweise unsere eigene Beobachtung; später, beim Abendessen, schmecken wir nicht, was andere schmecken. Es war nett gemeint, uns satt bekommen zu wollen, mich aber bekamen sie nicht satt, und satt bin ich noch nicht. Wir mußten sagen, daß es uns schmeckt, wir mußten es sagen, ohne daß wir gefragt wurden. Das war unser Auftritt, wir durften übertreiben. Ich übertrieb immer. Es gab eine ganz kurze Phase, in der ich ahnte, wer ich bin. Und ich mochte es.
Manchmal wurde es mir zu eng in mir, dann ging ich nach draußen, schwebte über den Wassern und sprach mit den Hamadryaden. Nachts vor allem wandelte ich auf den Spuren des Wolfes. Ein Reisender in die Vergangenheit pilgert an die Orte seiner emotionalen Szenerie, läßt sich nieder und betrauert die vertriebene anima loci, die geschlagenen Bäume, den hinterlassenen Augiusstall der Erneuerung.
Die Fotographie: So sah es früher einmal aus, so sah es überhaupt aus, heute ist es nicht mehr. Es hat sich nicht verändert, es hat aufgehört, zu existieren.
Oben lebten wir vor uns hin, unten fickte der Schinner seine Töchter, über uns der Wendler, der ständig aus seiner aufgeschlagenen Fresse Blut verlor, es mit den Händen aus den Augen wischte und sich dann die Wand entlang nach oben tastete. Neben uns der Bergmann mit seiner Frau, kugelrunde Wesen, obszön in ihrer Masse, über ihnen das Büro der Katzenscheißefabrik, die gegenüber unseres Küchenfensters lag (und „lag“ will hier wörtlich gemeint sein), Kunsstoff GmbH, ringsherum der Wald, und nach einigen tausend Schritten das Granitwerk des Todes, Bollwerk der Zivilisation mit ihrer Grabkultur.
Der Wendenhammer, im Tal der Eger gelegen, Kinheckels Mühle, Wendenschuchs Mühle, ein riesiges Hammerwerk, hämmerte Eisen mit der Kraft der Eger, hämmerte und donnerte neben dem zarten Siebenstern, der Wendler wankt, hat das Hammerwerk gespürt, der Schinner fickt die verstörten Mistviecher – irgend jemand sollte demnächst einen Granitstein bekommen, gräbern aufreckend.
Hast du da nicht den Wolf gesehen, der wie eine Statue am Waldrand saß und zu uns herüber schaute, ganz in Erz gegossen, du warst eingesperrt, erinnerst du dich, eingesperrt, weil du dich in den Wäldern verirren könntest, wenn du nach draußen gingest, mußtest im Haus auf und ab gehen, mußtest das Schreiben erlernen, damit du etwas sagen konntest, denn Sprechen ist nicht Schreiben und schreiben ist in Ruhe sprechen. Der Alte kam in Gummistiefeln, mittags, damit ihm der Steinschlick des Granitwerks nicht über die Polyestersocken laufen kann, während er den magmatischen Stein poliert. Schlecht gelaunt war er, der Lärm der Maschinen ein tosendes Fiasko, das die Nerven zerrüttet, und du warst froh, wenn diese verdammte Stunde vorbei war, die seine Mittagspause kennzeichnete. Man mußte so essen und so sitzen und so das Besteck halten, und dabei wurdest du festgehalten in dieser versteinerten Welt, aber der Sog forderte dich zu einem anderen Ort, zu diesem Wolf, in seine Augen hinein. Dieser Wolf war bereits dein Körper und du warst die Seele des Wolfes, den nur du sehen konntest, der nur für dich dort saß und wartete. Warum hatte Sebastiana diesen Menschen heiraten müssen? Sie, die Prinzessin aus Schwarzenhammer, die als kleines Mädchen fröhlich durch die langen breiten Flure des Schlosses rannte, die bereits alle Teile Adams in sich trug, denn ihr Blut war das seine, die, wenn sie still in den Blumenbeeten stand, von den Schönsten der Gattung nicht mehr zu unterscheiden war, mit ihrem honiggelben Mantel an Haaren.
Ludwig hatte nichts anderes getan als sie zu stehlen. Dazu mußte er nur erscheinen, denn sein Auftreten war alles, was er hatte. Carlos mochte ihn von Anfang an nicht, er witterte die Sporen eines fremden Standes, und Ludwigs Preußische Abkunft paßte nicht gut in sein Fränkisches Talamur, doch der Freier konnte charmieren, das Töchterchen blinzeln. Die Rätsel der Ahnenschaft werden sich nicht aufklären lassen, und Adams Präsenz zwang das Fleisch zu seinen Ergüssen. Das Nachher bestimmt das Vorher, und Carlos verstummte brütend über seinen ornithologischen Gebietskarten.
Wie die weiße Taube gegen das Fenster prallt, weil sie die Falle des Glases nicht erkennt. Sie ahnt, daß sie Gefangene eines Raumes ist und sucht nur den einen Fleck des einfallenden Lichts, den sie als rettende Freiheit fehl interpretiert. Mit ihrem Kopf schlägt sie hart auf und bricht sich sogleich das Genick. Noch im Fallen kennt sie nicht ihren Irrtum und sie stirbt, als wäre sie ein Vogel gewesen, der nur die Freiheit kennt und nicht zu leben vermag ohne die Unendlichkeit.