XXVII. Ignorabimus
(Viertes Tableau)Schönheit dieses wunderbaren Mysteriums, das weder Psychologie noch Rhetorik entschlüsseln. – Jorge Luis Borges
Und wenn die Liebe ihn wollte, würde sie sich auf ihn stürzen. Noch kreiste sie unnütz über den Köpfen der spielenden Kinder, als wäre sie sich nicht schlüssig, wen sie sich als Beute erwählen wollte. Doch diese Frage war längst geklärt, das Raubtier war entfesselt.
Ich hatte in der letzten Zeit eine vage Vorstellung davon bekommen, wie sich Rodriguez gefühlt haben mußte, als er in dieser Nacht wie von Gorgonen, Hydras und Chimären gehetzt an mein Fenster hämmerte. Als ob, wenn ich ihn einließe (was ich freilich tat), und er auf der anderen Seite dieser dünnen Scheibe weilen würde, diese jeden Orkan aufhalten könnte, durchsichtig und fragil – jedoch Symbol zwischen einem Hier und einem Dort, ein Schnittpunkt im Denken (und was man sich denkt, wird wahr), eine Projektion der eigenen Kraft, ein Talisman, aufgeladen durch kosmische Kausalitäten, eingeband aller Archetypen in uns. Daß diese Art von Angst, die er noch vor dem Fenster zeigte, rein geistiger Natur war, daß sie, je gegenstandsloser sie sich zeigte, um so stärker wirkte – das waren Schwierigkeiten, deren Lösung uns einen probaten Einblick in unseren vormundanen Zustand geben konnte. In jener Nacht, als mich Rodriguez daran erinnerte, daß etwas mit der Welt vor sich ging – ganz unbescholten und beiläufig, weil sich der Rest der Menschheit in Blindheit übte -, sollte ich mich an das Summen erinnern, während Rodriguez erläuterte, wo er die ganze Zeit gesteckt hatte.
Heute scheint es mir ein Zeugma zu sein, daß Menschen, die plötzlich verschwinden, vordem an eine Verschwörung geglaubt hatten, daß sie davon in der Öffentlichkeit redeten (Rodriguez war ganz fasziniert von der denkwürdigen Ignorabimus-Rede des Emil DuBois-Reymond und ihren dargestellten sieben Rätseln: das Wesen der Kraft und der Materie, Ursprung der Bewegung, Wesen und Ursprung der Sinnesempfindung, Wesen und Ursprung des Denkens, Ursprung des Lebens, Freier Wille, Zweck der Natur), und man sie für paranoid halten mußte, das gehörte sozusagen zum guten Ton der angstfreien Zone.
Die Zahl Sieben ist als einzige Zahl unter den ersten zehn diejenige, die weder Faktor noch Produkt aus anderen Zahlen ist. Pythagoras sagte: Das Dreieck und das Viereck sind perfekte Formen. Selbst Aristoteles hantierte mit der Sieben, da er von der Annahme ausging, daß das Gewölbe der Welt aus sieben durchsichtigen Schalen besteht. Auf dieser drehten sich seiner Meinung nach alle Planeten, und der siebte Himmel sollte dabei der Bereich sein, der die Welt in ihrem Ganzen zusammenhält. Der zentrale Lichtpunkt, die schöpferische Kraft, ein Augenblick der Ewigkeit – ein immerwährender Prozeß, der keinen Anfang und kein Ende zu haben scheint! (Anmerkung, Moleskine, in Rodriguez‘ sauberen Handschrift.)
Es schien geradezu, als wollten die Neugierigsten unter uns mit ihrem Verschwinden beweisen, daß sie dadurch Recht gehabt hatten. Seht ihr, weg bin ich. Ihr wolltet es mir ja nicht glauben. Ich bin der Beweis eines jeden meiner Worte, selbst der tatsächlich eingebildeten. Und alles wurde wahr.
Alles hat einen Ton, selbst die Stille. Heute ist sie nicht mehr da, heute ist die Stille wirklich still, aber damals gab es dieses Summen, das über allem lag wie eine Glocke – und einen Druck, das heißt: die Luft war fester, so als würden wir alle zusammengepreßt und dadurch auf dem Boden gehalten.
Es hatte in Wirklichkeit nicht erst mit dem Gesicht in den Wolken begonnen, als ich elf Jahre zählte und die Fassungslosigkeit mich einholte (so überklar hingen im Geäst und in den Wipfeln aller Bäume Buchstaben, die Wolken strotzten vor architektonischer Semantik). All das war schon immer da. Von Anfang an.
Ich glaube, keiner kam damals davon. Der Wolf hat sie sich alle geholt. Natürlich habe ich, bis auf wenige Ausnahmen, keine Beweise, aber eine dunkle Stelle in mir ist sich dessen sicher. Wegen mir. Sie starben alle wegen mir, weil das, was das Summen und diesen Druck damals auslöste, wegen mir in diesen Ländereien jagte.
Aber dieses Wissen hätte Rodriguez nicht gerettet, denn er wurde nicht von diesem Wolf geholt. Er verschwand einfach. Spurlos.
Ich hätte es ihm dennoch sagen sollen. Stattdessen hörte ich mir, zunächst ungläubig, dann jedoch immer beunruhigter, seine Ausführungen an. Es war das letzte Mal, daß ich ihm zuhören konnte. Ich hörte mir selbst zu, Rodriguez war mein Schatten geworden, der gleichzeitig meinen Rat einzuholen beabsichtigte und mit selbem Atem Warnungen ausstieß. Das Stöckchen in einem metaphysischen Staffellauf. Das Leben von einer Generation zur nächsten, immer ungewisser in die Nacht hinein waten, weil die große Dunkelung naht.