XXXIII. Das Moleskine
(Fünftes Tableau)Ich glaube es, weil es absurd ist. – Tertullian 160 – 220 n.Chr.
„Sagen Sie, finden Sie nicht auch, daß hier irgendetwas Merkwürdiges vor sich geht?“ Meine Wirtin sagte das so beiläufig, als würde sie sich nach dem Wetter in einem von ihr angestrebten Reiseziel erkundigen. Die Badegäste! Finden Sie nicht, daß sie allesamt zu dünn sind? Alle so dünn heutzutage, die Nahrung hält sich nicht mehr an den Rippen fest.
Das Hotel war leicht zu finden gewesen, Rodriguez hatte alles sehr genau in seinem Moleskine dokumentiert, und ich war froh darüber, daß ich neben den anderen Schätzen in seiner ungeheuerlichen Bibliothek vor allem dieses Notizbuch gefunden hatte. Wobei das bereits nach einem Plan aussah. Pläne, unstrukturiert und chaotisch, aber Pläne. Scheinbare Zufälle, immer und überall dieser Schein, gerade, wenn man seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatte, nicht mehr umhertasten mußte wie in den ersten Minuten plötzlicher Blindheit. Nein, Blindheit kennt dieses Zwielicht nicht, das im Grunde alles ausmacht; diese Grauzone, in der Objekt und Subjekt miteinander verschmelzen, um die vier fundamentalen Reaktionen auf Lebensgefahr in Dauerbetrieb zu nehmen; Angriff, Verteidigung, Flucht, Totstellen…
Das Moleskine schien für mich geschrieben worden zu sein, aber es war nicht etwa in der Art und Weise eines Tagebuchs angelegt, das hätte Rodriguez, der stets sein Wissen zu verbergen trachtete (sogar für sich) nicht ähnlich gesehen. Wie abgegriffen die Schwarte des Buches aussah, so als sei das Notizbuch aus mehreren Kriegen als Überlebender zurückgekehrt, die Schrift darin war stellenweise hingehastet worden, manche Sätze mittendrin abgebrochen, es klebten selbstgemalte Karten darin (sie sind nicht einfach in das Buch gemalt worden), und es wimmelte von Adressen – das war das Eigentümliche. Jemand, der alles Mögliche zu verbergen trachtete, leistete sich nicht den Luxus, unzählige Adressen zu notieren. Allerdings fehlte jeglicher Hinweis auf den Verfasser selbst. Vielleicht hat es Rodriguez gar nicht geschrieben, sondern…
Er hat es gefunden, von jemandem bekommen (oder gestohlen).