XXXV. Rue d’Auseil

(Fünftes Tableau)

Madame Blandot machte einen lebhaften Eindruck und paßte nicht wie selbstverständlich in dieses heruntergewirtschaftete Haus. Sie war eine sehr korpulente Person, trug jedoch Kleider, die ihre Fettleibigkeit weitgehend zu verbergen wußten, so als stählen sie eine Dimension, die das Auge jederzeit als Fülle interpretieren mochte, aber nicht konnte.
Das Hohe Haus lag in der Rue d‘ Auseil, und diese wiederum jenseits eines finsteren, von uralten Lagerhäusern und Speichern begleiteten Flusses, der gemächlich in ein nebliges Nichts zog. Eine wuchtige Brücke aus schwarzem Stein überspannte seinen Lauf, und über diese war ich schließlich in den bizarren Teil der Stadt gekommen, der nur aus geschlossenen Fabriken und Baracken zu bestehen schien. Wo sonst hätte man eine Gaststätte finden können, die so sehr in Ruhe gelassen wurde, als in dieser engen Gasse, wo jeder Verkehr unmöglich war, und wo man bereits bei Tage das Gefühl hatte, in einem Dunst aus Traumgespinsten zu versinken. Hier war das Pflaster besonders alt – und man glaubt, wenn man die umliegenden Häuser betrachtet, daß sie erbaut und sogleich sich selbst überlassen wurden. Vielerorten rankt das Efeu bis unter die spitzen Giebel, das Pflaster ist aufgerissen und Moose treten hervor (besonders die zungenförmige Tortula moralis). Das dritte Haus von oben (denn es ist eine sehr steile Gasse), trägt weder eine Nummer noch ist es in irgendeiner Weise als Hotel beschienen. Darin nimmt man die Pilger auf.
Mehr stand da nicht.
Etwas Merkwürdiges. Zusammenzucken wie unter einem Rohrstock, und nicht ahnen, wie merkwürdig alles erst noch werden sollte.
Sie sprach: „Das Wetter drückt so sehr auf meine Augen, ich wache jeden Morgen auf und habe Wasser in den Tränensäcken, das schimmert dann blaugrau, wie eine prall gefüllte Blase an der Ferse, sehen Sie…“ Madame kam mit ihrem Gesicht so nahe an meines heran, daß ich zunächst befürchtete, sie wolle mich küssen. Da haben Sie einen… schamatz.
Ich krallte mich an der Theke fest, vor der sich das Stragulla nach oben wölbte, darunter war Steinholz zu sehen; doch dann drehte sie ihren Backenhalter nach rechts und reichte mir ihr Auge, nun nehmen Sie schon, dabei verzog sie ihren Mund, der nun nicht mehr unter der hartnäckig verklumpten Nase, sondern unter dem Ohr hing, und riß das Auge auf, als könne man den Tränensack dadurch besser sehen, der im übrigen überhaupt nicht gefüllt schien.
„Ich sehe es, vielen Dank!“ sagte ich. Sie entspannte sich.
„Oh, Sie müssen sich nicht bedanken. Wem sollte ich es denn sonst zeigen? Sie sind der einzige Gast (der einzige Mensch), können Sie sich das vorstellen?“
Wenn ich mich umsah, konnte ich es mir vorstellen. Kein Hilberts Hotel mit unendlich vielen Zimmern. Unendlichkeit ist überhaupt das Unheimlichste, das ich kenne.
„Früher war das ja mal ein Hotel d’amour sozusagen.“  Sie schlug beschämt eine Hand vor die Lippen, beobachtete mich aber mit ihrem sumpfigen Blick sehr genau.
„Verstehe, “ erwiderte ich und nickte, „und jetzt ist es…“
Sie hob den rechten Zeigefinger und legte den Kopf leicht zurück, um ihr Doppelkinn besser in Szene zu setzen.
„Für Pilger“.
Dann zwinkerte sie verschwörerisch mit beiden Augen, weil ihr Gesichtsdifferential nicht zu funktionieren schien.
Darin nimmt man Pilger auf, hatte Rodriguez geschrieben. Ein Hotel, in dem man Pilger aufnimmt.
„Und Sie finden es merkwürdig, daß ich… sozusagen der einzige Gast in ihrem…“ Wie gespannt sie auf die Bezeichnung wartete. Sie hatte diesmal nicht vor, mir den Satz abzuschneiden, obwohl ich ihr genügend Raum dafür ließ. Ihre aufgemalten Augenbrauen arbeiteten phänomenal, etwas höher, sagte der Meister zum Fili, die Brauen müssen Sie etwas höher ansetzen, damit die Dame richtig scheiße aussieht. Wir wollen doch, daß sie so richtig scheiße aussieht, oder etwa nicht?
Ihre Pupillen bekamen nicht nur den Glanz der Erwartung, sondern auch den der Gewißheit eines Errors.
„In diesem Hotel.“ Es war mir fast nicht möglich, das Wort zu formulieren. Denn es ist doch so viel mehr als ein Hotel, nicht wahr? Ein Hotel, in dem man Pilger aufnimmt.
„Sagen Sie, was meinen Sie damit… Pilger aufnehmen?“ fragte ich sie, nachdem sie keine Anstalten machte, ihre halbmondförmigen Striche wieder in die Nähe ihrer Augäpfel zu bringen. Möglicherweise hätte sie sogar geantwortet. Bevor ich das jedoch herausfinden konnte, rumpelte es über unseren Köpfen. Ich blickte nach oben zu einer abblätternden Decke voller Spinnweben und Risse, die sich nicht nur auf den Putz beschränkten. „Ich dachte, ich wäre der einzige…“
Diesmal unterbrach sie mich prompt. „Aber ja. Der einzige Gast. Das sind Sie auch. Aber nicht der einzige Bewohner. Das ist dieser Geiger.“ Sie senkte ihre Stimme. „Sie wissen schon.“
Ich wußte nicht.
„Dieser“, sie unterstützte das Senken ihrer Stimme, in dem sie die folgenden Worte mit dem Handrücken abschirmte, nachdem sie kurz einmal links und dann einmal nach rechts ihre Blicke schweifen ließ, ganz so, als erwarte sie, daß wir nicht völlig allein wären, „Erich Zann.“
Sie sah mich an als erwarte sie eine Reaktion, Fassungslosigkeit vielleicht (Carnegie Hall 1928, Fritz Pfleumer und sein Tonbandgerät zeichneten das Violinkonzert Nr. 1 in Es-Dur, Op. 6 von Niccolò Paganini auf, Zann verschwindet gleich im Anschluß, ihn ängstigt an seinem eigenen Mittschnitt die Tatsache der Unveränderlichkeit, warum sollte er jetzt noch spielen?), mit der sofortigen Bitte, den Meister kennenlernen zu dürfen, noch bevor ich endlich in eine der Rumpelkammern einzog.
„Sie mögen Geigenmusik, nicht wahr? Sie sehen aus, als seien Sie der Typ für Saiteninstrumente.“
„Klavier.“
„Wußt‘ ich’s doch, wußt‘ ich’s doch!“
Es rumpelte erneut und das kleine Lämpchen mit dem ziselierenden Schein, unter dem ein Mobile schwebte, erzitterte.
„Sie werden ihn sowieso nicht zu Gesicht bekommen“, sagte sie. „Er ist etwas…“, sie ließ den Zeigefinger neben ihrem Kopf rotieren. „Ich bekomme ihn ja selbst kaum zu sehen, er besteht aus Schall und Rauch, das Sprichwort kennen Sie ja, Ohrenzeugentum, Kammerton undsoweiter; und Fragen stellen wir hier nicht.“
Ihre wohlangelegte Maske nahm einen selbstgefälligen Ausdruck an. Sehen Sie, in diesem mysteriösen Gewerbe kann man nur so weit kommen, wenn man den Gästen (und Bewohnern) ihre Privatsphäre läßt. Sie gehen da hoch, in ihr Zimmer, und dann sind sie auf sich allein gestellt. Es gibt keinen besseren Ort um sich das Leben zu nehmen. Aber das wollen Sie ja nicht, Sie befinden sich auf der Durchreise, stimmt’s, Pilger?
Sie führte mich vor das Zimmer 16 und überließ mir die Aufgabe, die Tür aufzuschließen.
„Der Merkwürdige ist“, sie drehte sich, schon am Gehen, noch einmal zu mir um, wobei sie mich diesmal ernsthafter beäugte; wollte sie sich das Momentchen einprägen, damit sie es jederzeit würde malen können? Erinnerung wird beobachtet. „Das Merkwürdige ist das Verschwinden. Sehen Sie sich die Stadt ruhig etwas genauer an, wenn Sie wollen. Sie verschwindet. Und ich wette, Sie sind genau deshalb hier. Sie sehen aus wie jemand, der vor dem Verschwinden flieht.“
„Wie meinen Sie das?“ sagte ich und hielt den klobigen Schlüssel vor das fordernde Schlüsselloch. Der Schlüssel selbst war die Miniatur eines Schürhakens, eine rostige kleine Stange mit einem G-Punkt-Aufsatz, um tief in den Eingeweiden der Sperrmuskulatur wühlen zu können. Am anderen Ende hing eine Kugel an einer Kette aus meiner darum geschlossenen Hand. Dort prangte die Zahl 16.
„Sehen Sie es sich an. Sie sind ja noch ein paar Tage hier, vermute ich. Ihr Freund hat sich zumindest nicht davon abbringen lassen.”  Sie stand da wie der Koloß von Rhodos, hinter ihr das schwarze Loch der nach unten führenden Treppe. Ich senkte den Schlüssel, und er wäre mir beinahe aus der Hand gerutscht, denn das war es, was die Madame Blandot wußte. Sie mußte keine Fragen stellen, ich mußte kein Formular ausfüllen (das alles zählte hier nichts, wir befanden uns bereits sehr weit in einer verschwundenen Welt, vielleicht sogar schon etwas über einen gedachten Rand hinaus (Scylla macht die rechte Seite unsicher, die linke die ruhelose Charybdis. Diese erfaßt und verschlingt Schiffe und speit sie wieder aus; jene ist am dunklen Unterleib mit wilden Hunden umgeben, hat das Gesicht einer Jungfrau ...), sie wußte Bescheid. Das Hotel stand mir zur Verfügung, und ich durfte es mit dem Weltberühmten Erich Zann teilen (der auch das Doppelflageolett über sehr lange Passagen hinweg strich), dem Pilger mit der Geige.
Alles ist von der Unendlichkeit gleich weit entfernt. Keiner befindet sich an einem bestimmten Tag an einem bestimmten Ort, keiner kennt den Umfang seines Gesichts.
„Ihr Freund ist hinübergeglitten, er konnte hin und her in der Zeit.“
Madame Blandot legte die äußeren Fingerknöchel an ihre persönliche Version eines Kaiserstücks und tänzelte das rechte Bein geschmeidig vor und zurück. Hin und zurück. Ihr Schuh, der dabei jeweils zum Vorschein kam, sah aus wie verziertes Marzipan, aber es war nur bemalter Pantoffel mit Stempelvergoldung. Wie würde sie reagieren, wenn ich mich auf den Boden fallen ließe, ihren Fuß schnappte und in den Schuh hinein biß?
„Aber nun ruhen Sie sich erst einmal aus, Sie sehen recht blaß aus um die Nase. Sollten Sie noch etwas benötigen, wissen Sie, wo Sie mich finden werden.“ Mit diesen Worten ließ sie mich stehen und kollerte die Stufen hinab. Kurz bevor ihr Marmorschädel ebenfalls im Schacht des Treppenhauses verschwunden war, drehte sie ihn erneut in meine Richtung. „Ah, bevor ich es vergesse: Keine Besuche von außerhalb. Ich glaube zwar nicht, daß es etwas bedeutet, aber bereits die Suche nach dieser Straße könnte sich für den Betreffenden als sehr gefährlich erweisen. Merkwürdige Dinge gehen vor sich, vergessen Sie das nicht. Und wir nehmen nur Pilger auf. Il faut qu’une porte soit ouverte ou fermée.“
Ich hatte sie gefunden. Auf Irrwegen. Diese Begegnung hatte mich von der Oberfläche weg geblasen. Wir hatten niemals die gleichen Voraussetzungen vorgefunden – ich, und jene, die in meiner Erinnerung hausten. Sie zweifelten an meinen Verstand, ich tat dasselbe mit dem ihren. Irgendwann sah man sich dann nicht mehr. Wenn man zurückdenkt, weiß man nicht mehr, wann man jemandem zum letzen Mal begegnet ist. Ob es Zeichen gab, etwas, das sich deuten ließ, ein besonderes Gespräch? Ich werde älter, sagt man. Wie ein Programm, ein Zauberwort: Ich werde älter, ich bin alt geworden. Ein Bannspruch. Das ist das Problem. Selbst einfache Systeme können sich so verändern, daß auf ihren Ausgangszustand nicht mehr geschlossen werden kann. Sie können ihre Ausgangsbedingungen vergessen.
Indem man Herz und Geist ermüdet, kommt man so weit, daß man das, was Anfangs das Ziel des ganzen Lebens war, nicht mehr will, steht im Albert Savarus; oder: Sterbend am Ziel angelangt, wie jener Läufer der Antike! Das Glück schauen und zugleich den kommenden Tod auf der Schwelle der Tür! Die Geliebte erlangen in dem Augenblick, da die Liebe erlischt! Nicht mehr genießen können, wenn man das Recht gewonnen hat, glücklich zu leben!
Sollte ich mich getäuscht haben, würde mich die Gewißheit, mein Leben einem reinen Hirngespinst gewidmet zu haben, in etwas viel schlimmeres stürzen als in den Abgrund eines erlösenden Todes oder eines beglückenden Wahnsinns. Ich hatte längst schon mit der Demontage der gewöhnlichen Welt begonnen, ohne ihre Schönheit jemals zu ignorieren, zumindest jene übrig gelassene Schönheit zwischen Beton und der giftigen Hand der Menschheit, die einzig zur Vernichtung taugt.
Sie ist im Traum, also gehe ich in den Traum. Sie ist in Babylon, also gehe ich nach Babylon. Sie besucht mich im Zimmer 16 eines Hotels, das nur Pilger aufnimmt, also gehe ich in das Zimmer 16 und träume dort von ihrer realen Präsenz in meiner Treue zur Verrücktheit, zum Traum, zum Unzusammenhängenden und zur Übertreibung, zu allem, was sich der allgemeinen Erscheinung einer Realität entgegenstellt. Und das gar nicht einmal so schlecht.
Schwierigkeiten sind ein Liebestest, die Liebe selbst ein Raubtier. Sie ist gefräßig, die ganze Zeit außerordentlich hungrig, und – sie wird erst zur Liebe dann, wenn man sehnt. Begegnet man sich, ist sie Leidenschaft und Lust, beinahe Schmerz, über alle Grenzen menschlicher Körperlichkeit erhaben, hatte sie gesagt, und diese völlige Hingabe hatte sie auch praktiziert. Die weibliche Lust ist der Sitz aller Lust. Meine Blaue Blume, meine Kamöne. „Und wer die Blaue Blume findet, der muß ein Wandervogel sein.“


Fünftes Tableau

   

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