XXXIX. Die eisernen Achsen
(Sechstes Tableau)Nicht die Sinne sondern der vergesellschaftlichte Verstand führt uns in die Irre.
Aufgesprungener Boden, Gesichter einer alten Erde, darüber sich Gleise erstrecken, die schon lange nicht mehr befahren von tonnenschweren Lebewesen, die man Dampflok oder Waggon nannte.
Letztere die besitzlosen Sklaven, Gewichte schleppend, ohne Ziel, ohne Interesse.
Der Platz steht antikfarben in einer Art Ewigkeit, die Vergänglichkeit ist Ambiente, Unendliches zu verschweigen. Hier Wolken einbinden zu wollen, die über den Himmel zögen, wäre Klischee. Stattdessen male ich den Himmel ebenfalls antik, so daß er sich nicht abheben kann, keinen klaren Kontrast bildet, und alles anmutet wie zusammengemischt in einer monochromen Badewanne, befüllt mit dem Putzwasser von dreckigen Türen, die nirgendwo hinführen, die nur Begrenzung symbolisieren.
Ich nenne diesen Platz einen Bahnhof, wissend, daß er kein Bahnhof sein kann, nicht im Sinne eines Umschlagplatzes, nicht der Begegnung Mensch und Maschine gewidmet, gar nicht einmal von Menschen erdacht. Große hölzerne Scheunen beherbergen von Krausem Ampfer überwuchert zwei beerdigte Riesenwale aus Stahl, Schienenstränge sind längst nicht mehr sichtbar vor lauter Giersch, aber die Stahlkessel stehen darauf, längst ausgeweidet, Disteln und Wildkraut überlagern ihren abgewetzten Nutzen.
Nebel. Die eisernen Achsen schreddern über gewaltige Stränge. Das war früher. Früher, dieses Wort, dieses furchtbare Wort der Vergangenheit. Noch ist es nicht früher, noch ist es jetzt. Rost blättert ab und verbleibt Erinnerung an damals, an früher, an einst, einmal, es war, man hatte, gewesen.
Sehen Sie sich die Stadt an, hatte Madame Blandot gefordert. Das war nun Wochen her und ich habe sie seitdem nicht mehr zu Gesicht bekommen, wurde zu einem Geist in einer Geisterstadt.
Dem abgestandenen Geruch des Flusses folgend ins Nebelherz hinein, aus dem Nebelherz heraus, keine Seele spähend, nur die Dinge, die, wenn sie weit genug entfernt sind, keinen Namen mehr tragen, die einfach nur Die Dinge sind. Wie hingehauen standen zerfallene Lagerhäuser und verlassene Wohnhäuser mit eingeschlagenen Scheiben ringsherum. Unebene Straßen schlenderte ich hellwach entlang, um in keines der Schlaglöcher, die alle mit pfuhligem Wasser gefüllt waren, zu treten.
Jemand (ich kenne ihn nicht) kommt mit einer grauen Tasche unter der rechten Achsel an und steht stumm wartend unter dem Wellblechdach der Wartefront am Bahnsteig. Er wendet seinen Kopf nach links, dann nach rechts, so als wolle er eine Straße überschreiten, oder so, als sähe und höre man die Züge bei der Einfahrt nicht und wisse auch nicht, aus welcher Richtung sie kommen. Stellen Sie sich einen Mann vor, der einen schwarzen, gebürsteten Anzug trägt, die Hose geschnürt mit einem baskischen Gürtel, einen Hut (unbekanntes Fabrikat), ebenfalls schwarz, darunter, im Schatten, ein mehlig-weißes Gesicht. Die Augen liegen sehr tief und sind zudem vom Schattenschlag des Huts verhangen. Ansonsten ganz und gar ein bürgerliches Icon, die elefantengraue Tasche jedoch eine unbegreifliche Wahl.
Es wird kein Zug mehr kommen, auch ich dachte vor kurzem, ich könnte von hier fortgelangen – und meine Begleiterin, die unsichtbar neben mir schwebt (vielleicht steht sie auch auf dem Boden, das vermag ich nicht zu sagen), dachte vielleicht ebenfalls daran, zügig zu exitieren. Ich werde sie fragen.
„Du dachtest doch auch, daß wir von hier aus einen Zug besteigen könnten, damit wir endlich von hier fort kämen?“
„Ja, das dachte ich. Ich denke was du denkst.“
„Was hast du an? Niemand weiß, wie du aussiehst. Es fiele leichter, wenn man wüßte, was du trägst.“
„Stell dich mir in Farben vor. Ich erscheine in namenlosen Kleidern sobald ich sichtbar bin, unten ein braun, oben ein Weiß, das bei Sonnenlicht aussieht wie Flieder. Ich bin eine recht unheimliche Person, wie das in den Träumen meistens so ist. Man sieht mich nur in den Augenwinkeln vorbeihuschen. Jeder kennt das, es ist nichts greifbares, wie ein Schemen oder ein kleiner gespenstischer Augenblick, während dem man sich einbildet, etwas gesehen zu haben – aber man wird es nicht festhalten können. In Wirklichkeit trage ich natürlich nichts, das ich mir selbst angezogen hätte. Stulpenstiefel für Geister gibt es nicht.“