Glaesum

Laßt uns das Glaesum heben, mit mehr als einer Mücke drin, umfangen von der Schwere der Jahrtausende. Heiliger Bernsteinkelch, dem Glas gabst du deinen Namen, und nun sehen wir dich an, durch dich hindurch erreicht unser Blick nur trüben Dunst mit Zeit benetzt, du bist blind und schleierhaft. Unser Auge aber, das wird sehen wollen, und der Blick entdeckt nichts außerhalb von uns. Wir sehen nur in uns hinein und denken Welt.
Laßt uns aber trinken auf die merkwürdigen Geschichten, die sich finden lassen, laßt uns anstoßen auf den Widerspruch, der wir selbst sind, denn wäre nur alles in Ordnung zu bringen, was hätten wir dann noch zu schreiben? Bestünde alles aus Handlungen, die sich erschlössen und erfüllten, Sinn ergäben – wie leicht wäre dann die Welt wahrlich entzaubert. So aber sehen wir in uns hinein und entdecken Urgründe, wir entdecken Anfänge und Zusammenhänge, die keine sind, denn wir entdecken sie nur durch unsere Einbildung, der Sangeskraft der Dichter. Und auch wenn nicht jeder von uns ein solcher ist, so macht er sich das Leben wie er mag und schreibt sich in seine Welt hinein. Er weiß, was er zu wissen glaubt und glaubt, daß er was weiß.
So laßt uns trinken und jenen spotten, die sagen, es wäre etwas befunden und klar, denn ja freilich sehen wir im Bernstein die Mücke sitzen, aber wie sie da hinein geraten, darüber gibt’s die herrlichsten Lügen. Als die Bäume noch Honig bluteten.

Schedula

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