II. Das Gedächtnis ist eine Illusion

Wir sind bemüht, einen geeigneten Ort zu finden, Adam in die Falle des Schicksals laufen zu lassen. Was an seiner Geschichte Fatum, was Voluntarismus sein wird, darf nicht leichter voneinander zu trennen sein als das Silberbromit von einem barytierten Papier.
Es ist kein Unterschied auszumachen zwischen der Fotographie, die einen längst verstorbenen Menschen zeigt oder einen vergessenen. Es scheint, als sei uns das Verschwinden und das Vergessen erst durch das Ansehen einer Fotographie bewußt, nicht durch das Ansehen allein, sondern durch das papierne Wunder, wenn wir behalten, worauf sich die Augen richten, das vorangegangene Kramen in Zeitkartons, gefunden in muffigen Schränken, das eine zerfleddert, das andere schon gilb, das nächste matt befleckt. Nur ein paar Schatten, nur ein wenig Licht ist dafür verantwortlich, daß wir der Täuschung eines Augenblicks aufsitzen. Ich betrachte die abgebildete Person und frage: Hat sie ihr Schicksal geahnt? Befindet sich da nicht ein wissendes Grübchen an der Seite eines melancholischen und tapferen Lächelns? (Deute ich das Lächeln als Tapfer, weil ich heute viel mehr über die Geschichte der Person weiß als sie selbst zu diesem Zeitpunkt?) Wurde mir jemals, während der Auslöser klickerte, bewußt, daß es eines Tages einen Betrachter über mir geben könnte, der mehr über mein Gesicht weiß als ich selbst? Furcht die Sonne das Kunstlicht, die Zeit ins Gesicht, schreibt die Reproduktion des Moments die Zukunft aus? Ich will wissen, wo sich dieser Augenblick befindet. Vergangen sein kann er nicht, sonst könnte ich ihn nicht auf diesem Foto erkennen. Ich halte den Beweis dafür in der Hand. Es ist alles angerichtet, wie es war: das Haus, das weiße Haus vor einem Hängenden Garten, der Schotterweg (man hätte den Kieselsteinen Namen geben müssen – sie hätten sich heute in meinen Augen wiedererkannt; Familiennamen für Kieselsteine: Splitt, Gravel, Gneis, Schiefer, Griffel), in einer Zeit bevor Asphalt, in einer Zeit, da Wege begangen und nicht befahren, in einer Zeit der Fotolinsenbeobachtung, nicht in dieser Zeit sondern in dieser Möglichkeit. Sie steht in Pantoffeln aus zerfranstem Plüsch und verabschiedet mich im Auto, das viel früher zu ihr zurückkehrt als ich, den Fahrer des Automobils, Carlos, der mit ihr zusammenlebt, die Christa Winter ist (Familiennamen zählen hier nicht viel, auch ich müßte Pikid heißen). Die Kamera sieht den roten Horch, die Tür noch geöffnet, um keine Barriere entstehen zu lassen zwischen dem Gesichtsfeld und dem handküssenden Winken. Sie in einer Schürze aus Polyethylenterephthalat, ich in Baumwolle, nicht sichtbar, fast wie die Kamera blinzelnd, ohne mit ihrer nackten, starren Erinnerung konkurrieren zu können. Sie hat den Abdruck geduzt, die Oberfläche geschaffen, die mich jetzt angeht. Christina steht dort, und wenn der Weg beim Gehen erst entsteht, gibt es diesen Weg in jenem Augenblick, wo ich aufstehen werde und das Haus verlasse, in Bewegung bleibe. Nicht muß ich zu diesem Ort, ich muß den Moment erreichen, ich muß nirgendwo hingehen, ich muß nur in Bewegung bleiben.
Christina Winter war nach Sebastianas Tod die Amme, die Zärtlichkeit pflanzte, die das Puppenhaus belebte, die ahnte, daß Adam nicht aufhören würde zu suchen, was er verlor. Es wird das Paradies sein, das nicht vorgesehen ist, solange Zeit existiert (die ihrerseits keine Ermüdungserscheinungen aufweist, auch wenn sie sich beschleunigt). Kein Lichtstrahl findet je zu seiner Quelle zurück. Jeder Prozeß ist beides: abnehmende Potentialität (Zukunft) und zunehmende Realisierung (Vergangenheit). Als „gegenwärtiger“ hat Adam Teil an jeder absoluten Bewegung (Zeit), die, weil sie absolut ist, die Zukunft schon eingeholt hat. Er hat insofern teil an der Zukunft, und er fällt als gegenwärtig zurück in den Raum (Vergangenheit). Nur die rein masselose Energie ist absolut bewegt, und was uns daher als bewegt erscheint, das bewegt sich „negativ“ (oder relativ) zu ihr und bleibt hinter ihr zurück, ist langsamer.
Wie die Zeitvorstellung des archaischen Menschen sich von der des Modernen Menschen unterscheidet – der eine begreift Zeit als zirkulär verlaufend, die am Ende dorthin zurückführt, von wo aus sie ausgegangen ist; der andere begreift sie als lineare Abfolge einer Kette, deren einzelne Glieder irreversibel sind – so auch unterscheidet sich das Bewußtsein des babylonischen von dem der Modernen Gesellschaft. Die eine ist mit einem Widerstand ausgerüstet, der sich gegen Veränderungen sperrt, die andere ist der Veränderung vorbehaltlos ergeben. Post hoc ergo ante hoc, sagt Adam (und insgeheim sagt das auch dieser Roman), denn das Vergessen, nicht das Erinnern, ist das Ergebnis allen Erlebens. Das Gedächtnis ist eine Illusion.


Erstes Tableau

<<< zurück     weiter >>>