LIII. Das Dunkle Trüb

Da steht ein Haus: Das Dunkle Trüb. Früher war es einmal eine Schenke gewesen, in der ich saß und trank – ein Splitter der Vergangenheit. Man muß in Bewegung bleiben, wenn man irgendwo ankommen möchte. Doch wo ist der Ort, an dem man ankommen kann?- alle Wege führen stetig weiter über das Ziel hinaus, verbinden jeden Punkt mit jedem Punkt.
Hier wurde weder Licht noch Luft gelüftet, die Gäste sprachen Double Dutch, flüsterten Laut, hatten sich nichts zu sagen und sagten sich nichts zum tausendsten Mal. Das Strandgut eines Sommerplatzes wirtschaftete an den Tischen, den Elenden war man gastfrei.
Sie stand in einer Ecke und sah mich viel früher als ich sie, stand in meinem Rücken, dieser weiten Fläche, ein Fächer für ihre Blicke; weder die Kleidung, die man nur trug, damit man behaupten konnte: ich bin nicht nackt, oder: ich könnte nackt sein, wenn ich wollte, - noch die Haut, widerstand dem Kribbeln oder Stechen eines tief mit Gedanken versehenen Blickes. Gedanken sehen mehr als Augen. Sie stand da und stand verborgen, weil sie sich nicht bewegte. Die kargen Mauern hüllten sie ein und tarnten sie, Gedanken ohne Gestalt, auch ohne ein Wort, ein Bild. Ich spürte ihre körperlose Aura. In der Mitte der Schenke flackerte ein entsetzlich funzeliges Licht, das sich für eine Sonne hielt. Das Haus, es stand an einem dunklen Ort, noch im Kellergewölbe siechte das Wasser eines Brunnens, darin keimten die Erinnerungen wie in einem Aquarium Eschericha Coli. Man sah hinein und es war als blickte man durch ein Okular in weite Ferne. Wie geisterhaft tauchte aus der Tiefe all das hervor, was man einst kannte. Es konnte sein, daß man sich selbst entdeckte, zu fassen aber bekam man sich nicht, abgestanden wie ein ewiger Pfuhl zerschellt die Oberfläche, will man sie berühren.
„Ich werde ihnen jetzt einen Raum zeigen, der keine Wände hat, Flächen sind darin unbekannt, auch der Boden, auf dem Sie stehen, hat keine Ausdehnung, das Wort wird Fleisch… Sie wissen das natürlich, es betrifft Sie bereits seit langer Zeit.“
Niemand ist hier, nur diese Stimme. Ich bin daran gewöhnt, daß man mich anspricht aus dem Hinterhalt.
„Ich suche Babylon.“ Es ist das erste Mal, daß ich das sagen kann. Sie lockt mich dorthin.
„Sie können alles finden, wenn Sie wollen; die Stadt – und es gibt nur eine Stadt – dehnt sich über den ganzen Erdball aus. Es ist nicht wichtig, wie Sie diese Stadt nennen, Sie ist nur ein Symbol in Ihrer Welt.“
„Ich habe eine Liebe dort vergessen. Ich denke nicht, daß ich Ihren Raum betreten möchte.“
„Wir werden niemals wissen, ob die Liebe mit uns stirbt oder ob sie erst beginnt, wenn wir sterben.“

Achtes Tableau

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