LXIII. Adam und der Schatten

Immer noch dein Bild vor Augen, so als hätte es dich je gegeben, Teil einer Erinnerung, die niemals wurde wahr. Du könntest jede andere sein, doch die Worte, die du vor mich legtest, hinderten die anderen daran, du zu sein.

Es bewegte sich etwas in der Dunkelheit. Ich konnte nicht erkennen, was es wahr, da es die Form eines Schattens angenommen hatte, um sich zu tarnen. Daß es mir nachschlich, wußte ich gewiß. Immer wenn ich mich umsah, blieb es stehen, gut getarnt zwischen dem Gestrauch am Wegesrand.

„Kennen Sie jemanden außer sich selbst?“
„Nein, niemanden. Warum fragen Sie?“
„Weil es nützlich für mich sein könnte, zu wissen, wer ich bin.“
„Nein, tut mir leid. Ich kenne Sie nicht.“
„Sie haben mich auch noch niemals gesehen?“
„Nein… ich wüßte nicht…, nein.“
„Das ist sehr schade. Ich weiß nämlich nicht, ob ich schon einmal irgendwo gewesen bin.“
„Aber… dieses Problem habe auch ich. Ich irre umher und ich erinnere mich an eine andere Welt, die es einst gab, in der es vor Menschen nur so wimmelte. Jeder ging dort einer unsinnigen Tätigkeit nach. Man nannte es die ‚Realität‘. Haben Sie von so einer Welt schon einmal gehört?“
„Ich weiß nicht… irgendetwas sagt mir, daß ich schon einmal davon gehört haben könnte, aber ich erinnere mich nicht. Glauben Sie, daß Sie von dort stammen?“
„Es könnte sein. Ich erinnere mich an eine Liebesnacht. Lachen Sie nicht! Das schien mir ernst. Ich erwachte und sie war verschwunden.“
„Sie verschwinden immer. Eine neue Liebe. Ein anderes und besser versprochenes Glück…“
„Ja. Möglich. Aber was soll ich tun? Ich kann ohne sie nicht leben.“
„Das können Sie. Sie tun es gerade.“
„So ist es nicht. Ich gehe zu ihr. Ich gehe in ihr.“
„Meine Güte! Was hat sie mit Ihnen gemacht, wenn Sie eine ganze Welt dafür auslöschen?“
„Sie ging und kehrte nicht zurück.“
„Das tun alle.“
„Sie roch noch nach mir.“
„Ich glaube, ich habe sie gesehen, von der sie sprechen…“
„Ja?!“
„Ja, sie roch noch nach Ihnen.“
„Woher wissen Sie, daß sie es war?“
„Sie war die einzige, die ich je gesehen habe, die nach Ihnen roch. Aber sie gehört Ihnen nicht, verstehen Sie? Sie hat mir gesagt, daß sie Ihnen nicht gehören wird. Sie flieht vor Ihnen. Sie können sie nicht einholen. Der Abstand bleibt immer der gleiche. Sie ist sehr weit fort.“
„Aber sie war in meiner Nähe!“
„Das meinen Sie nur. Sie hatten Ihre Gelegenheit. Sie haben einen Fehler gemacht.“
„Und welchen?“
„Sie haben ihr gezeigt, daß Sie nicht ohne sie auskommen. Sie hätten gleichgültig bleiben müssen.“
„Aber mich verzehrte ein Feuer!“
„Sie und mich – und die ganze Welt. Jetzt rufen Sie mich und wissen noch nicht einmal etwas über mich. Das ist sehr enttäuschend.“
„Wohin ist sie gegangen?“
„Nach Raha. Sie ging nach Raha. Und wenn Sie dort ankommen, wird sie längst wieder in Babylon sein.“

Ich ging an den Sternen vorbei. Über mir leuchteten die Erde und einige ihrer Blumen. Was sollte ich unternehmen, wenn der Schatten Recht behielt? Ich beschloß, ihm nicht zu trauen. Er veränderte lediglich meine Erinnerung an sie. Das letzte, das mir geblieben war. Die letzten Minuten. Ihr Körper distanzierte sich von mir, fuhr davon, lief davon.

Zehntes Tableau

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