LXIV. Amanita
Erst stiegen wir durch einen Wald voller dichter und üppiger Vegetation. Wenn ich mich nicht irrte, war es ganz belanglos, wohin wir unsere Schritte lenkten - wir konnten nur an einer Stelle wieder heraus kommen. Während wir den saftigen Ranken auswichen und immer tiefer in das blendende Blattwerk hinein irrten, bemerkten wir das übermäßige Vorkommen des Pantherpilzes. Trocknet man Pantherpilze, so ähneln sie aufgrund ihrer schokoladenfarbener Oberfläche runden Schoko-Lebkuchen. Sind noch Reste von weißer Pilzhaut vorhanden, entsteht die Illusion von Nüssen. Rötlicher Thymian sowie rote und weiße Nelken mit ihrem scharfen Duft, kleine Stiefmütterchen, auch Brennesseln, stachlige Disteln und giftiger Schierling, wucherten unter einem Dach aus Huflattich. Immer noch folgten wir den Spuren des fahrenden Volkes, Spuren, die längst keine mehr waren. Das Auto hatten wir am Rande der Wüstenei abgestellt.
“Hier muß ich aussteigen und Sie sollten mit mir aussteigen, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist. So ein Mobil ist nichts wert, wenn man sich auf einer Queste befindet. Sie könnten zu schnell an so manchen Hinweisen vorbeirattern. Und schon stünden Sie im Nirgendwo. Zurückkehren - das können Sie nicht, wie Sie wissen. Das Zeichen wäre zwar noch da, es läge vor Ihnen, als kümmere es sich nicht darum, von welcher Seite man sich ihm nähert, doch das ist selbstverständlich ein Irrtum. Den Spiritus Locus hätten Sie bereits beleidigt, und nun kämen Sie angekrochen und müßten ihm beibringen, wie sie ihn übersehen konnten. Unterschätzen Sie niemals die Eitelkeit der Zeichen!”
Und ich war natürlich froh, aussteigen zu können. Der Alte stank wie ein Fischotter.
“Wo werden Sie hingehen“, wollte ich von ihm wissen. Er stand bereits draußen und blickte auf die Weite des obszönen Grüns hinaus.
“Nach Raha.”
“Was wird aus Ihrem Ring?”
“Vielleicht trägt ihn jemand, den Sie kennen. Dann werde ich ihn finden wenn auch Sie fündig werden.”
“Aber ich kenne überhaupt niemanden in dieser absonderlichen Welt. Jeder, der mir begegnet, entstammt meiner Einbildung.”
“Merke auf dich selbst: kehre deinen Blick von allem, was dich umgibt, ab, und in dein Inneres. Es ist von nichts, was außer dir ist, die Rede, sondern lediglich von dir selbst.” Und damit stampfte er los.
“Sie wissen, was das bedeutet!” rief ich ihm hinterher. Er antwortete mit einem übertriebenen Schnaufen, dem ich folgte.
Plötzlich wurden wir eines weißen Häuschens gewahr, das über einen ehemaligen Fluß hinweg eine Brücke bildete. Es stand auf fragilen Stelzen und auf beiden Seiten der Ufer führten Holztreppen zu ihm empor. Das mediterrane Ambiente wollte nicht recht in diesen wuchernden und überlebendigen Urwald passen, gewöhnliches Holz wäre längst verrottet oder von den Schlingpflanzen zu Boden gerissen worden.
Warum das Flußbett kein Wasser führte und nun von Moosen und Farnen beansprucht wurde, es also keineswegs an Feuchtigkeit mangelte, blieb mir ein Rätsel. Nichts deutete auf einen nur temporären Zustand hin. Mein Begleiter betrachtete kurz die Treppe, die hinauf führte und sagte, daß dieser Ort dem Mond gehöre und wir nun wohl nicht mehr länger diesen Weg miteinander teilen könnten. Da ich nicht verstand, was das eine mit dem anderen zu tun haben sollte, fragte ich ihn.
“Das hier ist eine Mondbrücke. Ein stiller Ort, der nicht ohne Gefahr überschritten werden kann. Das heißt… nicht für dich. Ich selbst werde einfach auf der anderen Seite wieder hinunter gehen. Aber das ist nichts Besonderes. Ich suche schließlich nicht nach den weiblichen Urkräften und ich fordere sie deshalb auch nicht heraus. Die Hochzeit ist der Tod, wenn du mit leeren Händen dastehst. Weißt du, warum du so ein großer und schmackhafter Brocken sein wirst? Weil all deine Träumerei wie Karamellzucker anmutet. Wie sieht die Welt der Dinge wirklich aus. Ist sie so schön, wie du sie wahrnimmst, oder spielen dir deine Sinne einen Streich? Könntest du jetzt auf der Stelle erwachen und erkennen, daß du im Theater sitzt und dich alles, worauf du dich am Abend freutest, derart langweilte, daß du unweigerlich eingeschlafen bist? dann siehst du mich also auf der Bühne stehen - und ich habe noch nicht einmal eine Rolle zu spielen, für die man viel Geschick mitbringen müßte. Vermutlich bin ich nur ein Statist, der den Hausmeister gibt oder den Mundschenk. Dieser Akt ist zu Ende, warum sollte ich mich weigern, die Bühne zu verlassen? Würde man mich nicht gleich für verrückt halten und nie wieder aufstellen?”
Mich freute es einerseits nun endlich sein vertrautes Du zu hören. Kurz bevor sich unsere Wege trennten, waren wir doch noch zu Komplizen geworden - andererseits beunruhigte mich dieser Ort, obwohl er schön anzusehen war und keinerlei Gefahr signalisierte.
“Ich habe nichts anderes im Sinn als ebenfalls auf der anderen Seite wieder hinunter zu gehen.” Der Alte, der mich nicht wenig an den Schatten erinnerte, der mir einst nachgeschlichen war, nickte.
“Es wäre der Weg zurück. Du würdest in die Spiegelseite schreiten. Natürlich wäre das ein vorzüglicher Weg, dir selbst zu begegnen auf deiner Reise, um dir die ein oder andere Frage zu stellen, vorausgesetzt, du würdest dich gerne etwas fragen wollen. Am Ende würdest du dich im Liebesspiel mit ihr beobachten können, wegen der du überhaupt aufgebrochen bist. Das hat etwas Pikantes, ich muß schon sagen. Du könntest entscheiden, ob du besser ihr folgen möchtest oder dich selbst begleitest. Allerdings hättest du nur noch die halbe Lebenskraft zur Verfügung und es ist gar nicht ausgeschlossen, daß ein Teil von dir neuerlich in eine Spiegelseite tappt. Eine grandiose Auflösung wäre das! Nachgerade die Sensation des Verschwindens! Nein; bleib du nur hier und löse das Rätsel auf deine eigene Art. Ich muß nun wirklich abort. Ich käme mir vor wie ein Voyeur im kosmischen Schlafzimmer, ginge ich nun nicht.”
Im Innern wirkte das Holzgestade wie ein altertümlicher Bahnhof, der in kleinen Dörfern stand: leer. Von Staub war jedoch nichts zu sehen, nur vereinzelt schimmelten kleine Flecke durch das Holz. Vor den großen und nicht eingefaßten Windaugen befanden sich kleine Altane angebaut, wie zur Zier, um Blumen sprechen zu lassen. Da sah ich mir Rosen, Veilchen und Lilien zum Himmel grüßen, weil diese fünfblättrigen Pflanzen zum Weinstock paßten, der sich an den Stelzen nach oben wandt, ganz jung, wie ein junger Wein - und selbst im Pentagramm auslief. Vor mir der Durchgang zur anderen Seite. Der Gedanke, einen Spiegel zu betreten, ohne daß man davon wußte. Der Gedanke, in den heiligen Hain zu Dodona einzudringen, in die Höhle des Trophonius, Visionen und dumpfe Stimmen reißen den Wanderer hinab in den prophetischen Wahnsinn. Wie ist das Wort wild, wie ist die Beschaffenheit meiner Reise außergewöhnlich, wo kommt mein Leben her? Wo lebe ich, während ich hier stehe? Über der Tür prangte ein Schild, auf dem die verschiedenen Mondphasen dargestellt waren, beginnend mit der Sichel, die wie eine Schale oder ein Schiff dargestellt waren. Der Mond als Symbol des weiblichen Elements in der Welt: der Schoß, der alles Irdische gebärt, als nach oben offener Bogen, Vertiefung, das Tal, die Höhle im Boden, aus der alles hervorwächst, das Leben entsteigt. Daneben das Gefäß des Bades, der Becher mit der Flüssigkeit, der Teich mit seinen Ufern. Die weiblichen Lebensflüssigkeiten, die Achtundzwanzig. Der Mond wurde zum Schluß voll und in silberner Farbe dargestellt. Ich nahm das Schild herunter, schritt mit ihm durch die Tür und legte es auf die Ballustrade auf der anderen Seite. Zäher Nebel war auf diesen Wegen unterwegs, der Spiegel, ja, die Spiegelfläche. Dahinter jedoch dicke und obszön verschlungene Bäume. Unten, wo die Ufer des einstigen Flusses einen wuchernden Wall bildeten, mäanderte das übersatte und dickblättrige Grün. Als läge Honig über den Hängen und nicht der Tau. Ein Wald, den man sich nur in seiner Phantasie erschaffen konnte, den es in dieser Sattheit nicht gab.
Dann brandete das Heulen heran und überschlug sich, brach sich an Hindernissen und versetzte das schleimige und brachiale Grün in Schwingung. In den Baumkronen rauschte der Widerhall, aus einer Urkehle gespuckt, ein Magmaregen in Tönen. Geräuscheräusche.
Die Atmosphäre wandelte sich schlagartig. Zu den sich windenden Selenotropien, Ysopen und Ölbäumen, die vor Saft zu bersten schienen, gesellte sich nun eine reiche Fauna, die vorher nicht bemerkt wurde. Mutterschweine, Hirschkühe und Ziegen brachen aus dem Dickicht, aufgepeitscht von diesem tiefen Sirenenbaß, der die Erde zum kochen brachte. Hundsköpfige Affen und Panther, deren Augen die Mondsichel zeigten, liefen dem Heulen voran. Die Erde Quoll auf und brachte Mäuse aus der Begattung der Fäulnis hervor. Ich stürzte zurück in das Innere und schloß die Tür keinen Deut zu früh. Das Mondschild plazierte ich davor und wich noch etwas weiter zurück, als es auch schon gegen die Tür krachte. Ein bestialischer Gestank tobte herein.
“Ich will nicht, daß du hereinkommst!” rief ich dem Unbekannten entgegen, das einen Leib besitzen mochte oder auch nicht. Und das konnte es auch nicht, denn das Schild prangte nicht mehr über der Tür, sondern lag wie eine Gemme davor. Doch das Ding war so voller Zorn, daß es mit einer behaarten Klaue herein griff. Und so verlor es seinen Arm. Ein unsichtbarer Schnitt trennte ihn ab, aber es gab augenblicklich kein Geheul, keinen Rumor mehr. Stille. Auf dem Boden lag der graue und bereits zu Stein gewordene Vorderlauf eines Wolfes von unglaublichen Ausmaßen.
“Entschuldigt meinen einstigen Liebhaber. Aber wie hätte er auch anders reagieren sollen. Die Eifersucht des wilden Mannes.”
Die Stimme war hinter mir und löste meine Erstarrung. Ich kreiselte überrascht und bis zum Rande angefüllt mit Adrenalin herum.
“Ich bin Anna, die Fliegenpilzin. Und Ihr seht aus, als wäret Ihr etwas aus der Fasson geraten.” Mit kindlicher Grazie machte Anna große runde Augen. Es sollte Unschuld symbolisieren, doch dahinter lauerte eine nicht unbedeutende Gefahr, die mich körperlich anging. Sie war gekleidet wie Rotkäppchen. Ihr Alter war überdies schwer zu schätzen. Sie hätte sechzehn sein mögen oder sogar dreißig.
“Ich habe kein Alter, ich bin ganz und gar Erscheinung, bin pubertierende Prinzessin und weise Greisin gleichermaßen.” Sie machte eine wegwerfende Handbewegung. “Ihr seht, was Ihr sehen wollt. Es ist wie mit allem hier. Eure Phantasie überrascht mich indes nicht eben wenig, und so bin ich natürlich aufs erfreulichste neugierig, was Ihr mit mir anstellen werdet.”
Was ich nicht denken kann, das gibt es nicht; was ich nicht hören kann, das klingt auch nicht. Das Mysterium der Begierde im Blut, das in Wallung gerät. Die Liebe sei blind, so sagt man; aber die Liebenden sind es nicht - und sollten sie es sein, so erkennen sie sich am Geruch oder am Klang ihrer Worte. Eichendorff sang: Es steckt ein Lied in allen Dingen. Das ist ein schöner Satz, auch wenn der Dichter vergessen hat, zu sagen, daß nur die Liebenden dieses Lied auch hören - und - schmecken können. Das Universum strebt nach Vollendung, die Evolution des Menschen ist ebensowenig abgeschlossen wie die Ausdehnung des Kosmos. Anders ausgedrückt: es scheint eine Zukunft zu geben, wenn man an die Zeit glaubt, die dem menschlichen Verstand eine Krücke ist, um durch das Leben zu navigieren. Hier war alle Zeit verloren, oder: alle Zeit war gleich und mündete in einen unwahrscheinlichen Moment. Was immer ich durch meine Wanderschaft angelockt habe, sucht mich zu finden und nimmt Gestalten an, die ich in mir selbst nur als Schatten erkenne. Nicht die Brücke über den Fluß ohne Wasser ist das Tor, kein Ort und keine Bewegung in der Welt bedarf meiner Schritte. Das Unmögliche wird nicht gedacht sondern erlebt. Sie ist die Tür nach Raha und ich freie die Lust und gleichzeitig den Tod.
“Was”, konnte ich flüstern, “und wie”, war ich am hauchen, “wie sollte…, was könnte…, wie wollte und könnte ich…?”
Sie im roten Kleide, die nackten Füße in feinen Sandalen ließ ihr Lächeln über das Himmelszelt kursieren, ein Lächeln, daß man in vielen Breiten, unter vielen Sonnen vergeblich suchen wird.
“Nimm mich”, sagte sie. “Zunächst tust du alles, was du willst, mit mir. Und dann - tue ich alles, was ich will, mit dir.”
Also kostete ich Amanita.