V. Dieses Paradox

Der Sommer trägt die Gelüste vorwärts, im Frühling versprochen, im Herbst entspannt genossen, das erste Regen der Exogamie. Dort schaukelten sie am Baum vor dem Haus, Simone, die Tochter des Hausbesitzers (von der Carlos überzeugt war, sie würde Adam eines Tages heiraten, nachdem er das Clinchen, das die Latenzperiode einleitete, lange genug verfolgt hatte; sie war eben nur drei Jahre jünger und von einer ländlichen Neugier), und Katjanka, die sich für Indianerspiele eignete mit ihren rabenschwarzen Haaren, in der sich verschiedene Blumen gut ausmachten. Das Gute an diesen fallenden schimmernden Seidengarnen war, daß man die Kornraden oder das Zimbelkraut damit festzurren konnte. Diese Kunst des Blumenbindens war dann auch dafür verantwortlich, daß ihr Haar im Laufe der Zeit immer kürzer wurde (und sie Indianerfilme haßte, obwohl es da nichts zu sehen gab, was ihr in den Jahren des Großen Spieltriebs angetan wurde). Ich sah nur die beiden Hanfseile auf mich zu – von mir weg knirschen. Versteckt unterm Fenster das flüsterhafte Gelächter der Schaukelnden, die sich im Idiom dieses leisen Kicherns unterhielten. Die beiden Grazien wuchsen heran in Zeitlupe (ich konnte das Heranwachsen mit bloßen Augen nicht erkennen, mußte selbst zusehen, wie mir die Haare wuchsen, an den Beinen, in der Backenfalte, auf den Handrücken, - das war der Moment, in dem ich mich wie jeder Acker fühlte, der das Korn nach oben warf). Ich stand am Fenster, die Mühlgrabenbrücke als geschätzte Kulisse, und lauschte dem glockenhellen Lachen, Ziegen blökten aus dem Hinterhalt und die Uhr gongte eine volle Stunde in die Sommerluft hinein. Es stank plötzlich nach Zeit. Im Sommer trägt die Luft den Ton bis in den Raum, in dem man steht. Die Distanz der Wintertöne, das Pastell der Herbsttöne – im Sommer fehlt die Abwesenheit. Dieses Paradox. Keiner weiß, was das Nichts ist, auch dieses Gelächter da draußen weiß es nicht. Das Lachen täuscht nicht über Vergänglichkeit hinweg. Jeder Winkel negiert einen Augenblick. Das Nichts ist die Abwesenheit von Erinnerung. Sätze. Noch schaukeln sie und ich stehe in Sommergluten, blicke aus dem Fenster, zwischen den Hanfseilen hindurch, an der Buche vorbei, immer weiter über das Tal hinweg, die Wiese der Schafe, in ein anderes Fenster hinein, vor dem die beiden Mädchen an einem Baum schaukeln. Hinter dem Fenster aber herrscht Dunkelheit.


Erstes Tableau

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