Verschwinden
Die Tür aufmachen und raus gehen. Das ist einfach. Irgendwohin. Dahin, wenden, dorthin. Einen Baum betrachten, innehalten in einem Kaufhaus. Stocksteif stehen und alles beobachten. Man selbst ist Luft, besser: ein Geist. Ich bin überhaupt nicht mehr lebendig, ich lebe nur noch. Letztes Jahr, die selbe Zeit: ein heißer April. Ein guter, heißer April, und kein Grund, jemals an das zu denken, was ich heute vorfinde: einen kühlen April, einen April danach.
Skizzen ordnen, schreiben, Skizzen ordnen, schreiben. Dann alles durchstreichen, manches verbrennen. Ich sollte verschwinden. Spurlos.
Auf jemanden zugehen, jemanden, den man noch nie gesehen hat. “Ich habe alles versucht, ich habe es nicht geschafft.” Der Fremde nickt und geht weiter. Zu einem anderen hingehen und sagen: “Sie haben mich noch gar nicht gefragt, was ich alles versucht habe und was ich nicht geschafft habe.” Der zweite Fremde weicht aus, geht weiter, ahnt nicht, daß ich nur für die Mittelmäßigen interessant sein könnte. Es ist gut, ein Nichts zu sein. Daß man zu früh mit dem Leben durch sein könnte, wäre mir nie eingefallen, nur manchmal ahnte ich etwas davon.
An der Kasse, beim Geldwechsel: “Was würden Sie tun, wenn Sie ich wären?” Die an der Kasse nimmt das Geld, lächelt, zuckt mit den Schultern, sagt, sie wisse es nicht. Ich nehme den Wein, das Restgeld. “Sie hätten sagen können, ich solle nicht so viel trinken.”
Sie lächelt wieder. Ich sollte verschwinden. Spurlos.
Ich rufe jemanden an und frage ihn: “Wie verschwindet man spurlos?”
Die Antwort: “Geh nach Indien oder Mexiko, wirf deine Papiere fort und stirb dann oder stirb nicht und melde dich nie wieder.”
“Indien oder Mexiko?”
“Mexiko wäre für dich wohl besser. Warum fragst du, hast du etwas ausgefressen?”
“Ich betreibe Gedankenspiele. Etwas hat mich ausgefressen.”
“Ich weiß schon, was dir zu schaffen macht.”
“Tust du nicht. Behalte es für dich.”
“Das Schlimmste auf der Welt ist, seine Zeit zu vergeuden. Schreibst du?”
“Nein. Das heißt: ja. Ich schreibe nachher, daß ich dich angerufen habe.”