VII. Das zweite erotische Diktat

Der Ton in meinem Kopf ist düster süffig trollig, wenn ich an ein oder zwei Erlebnisse denke, die sich in meinem Bett abgespielt hatten. Ich denke an die Traube, die du mir bist, liebe Myrrha, dein Schatten kursiert hinter jedem Licht, das ich einschalte, um nicht alleine zu sein, jetzt, da ich in meiner Erinnerung sitze wie ein Pfau, und mich frage: gab es diese Begegnung wirklich? Begegneten wir uns, die wir nirgendwo waren, in einer staunenden Zeit, so schöne Körper ringsherum? – nur nacktes kaltes Fleisch. Auf deinem Balkon in Babylon träumte ich dich, aus den Wolken heraus hast du mich gebeten, 6000 Jahre der Zeit zu durchlaufen. Ich konnte den Traum nicht verlassen, du warst diejenige, die kommen mußte.
Damals im Hotel drückten wir die Kippen in der geöffneten Schublade des Nachttischchens auf der rechten Seite aus (die, wenn man sich vor das Bett stellen würde, die linke war). Ein ziemlicher Ungehorsam gegen die zu begleichende Gastiererei. Ich war zumindest nervös, und deshalb wollte ich schnell zur Sache kommen, auch um die nichtvorhandene Gemütlichkeit der Bürgersuite zu vergessen, den dickleibigen Stuck. Der Anfall körperlicher Liebe ersetzte jegliches Gespräch (wir lernten uns nie kennen und kannten uns deshalb gleich schon bei den Lippen), mit dem Ergebnis, daß ich außer dem Rausch nichts mehr erinnern kann (und natürlich die verpaßte Gelegenheit im Englischen Garten, den wir vor lauter Straßen nicht fanden). Es war das zweite erotische Diktat, aus dessen Flammen wir erneut nichts retten konnten. Es liegt nahe, zu denken, daß wir von Anfang an nichts anderes im Sinn hatten als uns ja nicht zu nahe zu kommen. Was es da sonst noch gab, wollten wir nicht Liebe nennen (ich tat es dennoch und wiederholte es Gebetsmühlenartig, bis du genug davon hattest). Unsere Begegnung wäre alles Wert gewesen, aber welchen Wert hatte sie wirklich?
Ein Nebenzimmer-Produkt und deine polyphone Wesenheit. Eine Erinnerung, die nicht viel erinnert, deshalb den Rest halluziniert. Die Angst, daß ich dich holen käme, der ich so wenig in deine Welt passe wie ein Stöckelschuh. Doch ich kam – und fand dich nicht.
Heute ist es schon lange her und hat nichts mehr zu bedeuten. Ein ungesehener Steinhaufen, der sich kunstvoll selbst zu einer deutbaren Form legte, vom Wasser umspült schließlich von ihm aufgelöst wurde, eine Spur zur Quelle, der ich folge. Es ist, als ob man sich selbst Gewicht verleihen müßte, um nicht davon geweht zu werden. Menschen begegnen sich, man kann die Uhr danach stellen. Wichtig ist, was bleibt. Aber es bleibt nie etwas, nur währenddessen ist es unvergänglich. Danach ist es vorbei – wann wird es zum letzten Mal gewesen sein?


Erstes Tableau

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