X. Das Kesselweib

Die Jezi Baba sitzt in einem eisernen Kessel. Mit einem feurigen Besen fegt sie die Luft, die ihren Kessel trägt. Die Erde stöhnt, die Winde pfeifen, die Tiere des Waldes heulen, das Hausvieh stampft erschreckt in den Ställen, wenn sie von ihrer Tochter spricht:
Sie versteckt sich in sich selbst, schau sie an, und fühlt da sehr viel, auch dich, schau sie an. Und sie weiß, daß man ihr tiefes Gefühl fühlen kann, aber sie weiß auch, daß man nicht genau weiß, was man fühlt. Das gibt ihr eine Sicherheit, die sie nicht hat. Sie ist kein zerrissenes Persönchen, nicht so sehr von dem geplagt, was sie haben könnte und haben möchte, schau sie an. Sie hält sich gut, zufrieden ist sie nicht, aber sie hält sich gut an der Oberfläche, schau sie dort an, aber schau sie nur an, denn deiner Annäherung gegenüber wird sie sich nicht zu öffnen wissen. Sie hört zu, sie mag was sie hört, sie hört ihr Inneres wiedererkennend klopfen, aber das Große, das Lebensentscheidende, das wagt sie nicht, das wagte sie damals nicht (in Babylon, der Großen), das wagt sie auch jetzt nicht, man sieht es ihr an. Sie will sich nicht entscheiden müssen, sie will dämmern und sehen, was daraus wird, wenn die Äonen sich dem großen Rad ergeben. Das ist auch gleichzeitig ihr Leid. Sie weckt Fantasien, sieh sie dir an, sie hat das Ideal eines sinnlichen Mundes, der mit ihren Augen korrespondiert, sieh es dir an. Mein Mädchen ist sie, mein Mädchen; das Mädchen eines Märchens wird sie immer sein.

Adam:
Die reißende Bestie, die hier eine Zeitlang wütete, kam, so erzählte man sich, aus dem Šumava durch Wälder, Seen und Moore gewandert. Ich aber sage, der Wolf kam aus den Herzen der Menschen, die ihm auch zum Opfer fielen.

Jezi Baba:
Der Wolf ist das Symbol, dem du trotzt, indem du dich mit ihm vereinst, schau es an. Und du wanderst und wanderst, bist frei, und du wanderst, weil er dir auf den Fersen ist. Nur Ähnliches erkennt das Ähnliche, als du sie erblicktest, machte er sich auf zur Jagd. Er will schneller sein, und doch ahmt er dich nur nach. Er ist hinter dir, und doch dir längst voraus. Du bist befreit von einem Gedanken an sie, mein Mädchen eines Märchens, aber frei bis du, diese Liebe hervorzubringen, wie einen Zauber, damit sie dich begleiten kann, solange du hinter dem Wolf her rennst, vor dem du fliehst. Freiheit kann nur gelebt, nicht aber gedacht werden, schau es dir an, denn das Denken verstrickt sich in Kausalitäten, aber mit Begriffen der Kausalität kommt man der Freiheit nicht bei.

Adam:
Mein Mund, was kann ich tun, mein Mund!

Jezi Baba:
Der Mund, der mit den Augen spricht.

Adam:
Den Mund, den ich schon einmal mit eigenen Lippen berührt.

Jezi Baba:
Ich hätte es dir nicht erlaubt, zu frisch sind eure Herzen. Fahre in die Gefahren und schau sie dir an.

Das Kesselweib zerbirst wie ein Omen.


Erstes Tableau

<<< zurück     weiter >>>