XIV. Bildervorrat

Das Paradies zu verlassen bedeutet seine eigene Kindheit zu verlassen, diese Spontanität und Unmittelbarkeit, die Adam in drei kosmischen Stufen zu Teil wurde, Ritual der Initiation (Es blühen drei Rosen auf einem Zweig): der Tod Sebastianas, das Erblicken der (sieh doch, Mutter, ein Gesicht) Frau in den Wolken, der Tod Christina Winters (drei Lilien leg ich auf mein Grab – Antropos, die Schere bitte!)
Sebastiana nahm dabei die Stelle des Gefäßes ein, anders ist es Geistern nicht möglich, ins Sinnliche zu reisen. Sie starb den Opfertod, der die Vertreibung einleiten sollte; Myrrhas Gesicht, das sich aus den am Himmel zu dieser Tageszeit auffindbaren Wolken zusammenkettete, weckte nicht etwa die Leidenschaft ohne Erinnerung – die konnte Myrrha wesentlich später allein durch ihr, zugegeben, sehr kurzes Aufflackern, entfachen – ,vielmehr ging es dabei um den Effekt des Wiedererkennens. Das Opfer, der Wegweiser. Das mag an sich schon schwierig genug zu verstehen sein, aber die wirkliche Büßerin in dieser kosmischen Komödie war Christina Winter, die ich aufgrund der Gerechtigkeit weiblicher Erbfolge nicht „Pikid“ zu nennen pflege. Ihre ungewöhnliche Schönheit war längst aufgesaugt von den Diensten an Kummer, aber sie hielt durch, solange sie konnte, bevor sie, mit einem künstlichen Darmausgang versehen und zugepumpt mit Morphium mit Adams Namen auf den Lippen in einer Klinik mit wunderbarem Ausblick ihren letzten Atemzug vergeudete, weil ihn niemand bezeugen konnte. So war der exakte Zeitpunkt (Oh Zeitpunkt des Todes, unpassender als der Tod selbst!) nur eine ungefähre Angabe (Adam jedoch erinnerte sich nur zu genau an die grauenhafte Nacht, in der es blitzte und donnerte und er sich vom Albdrücken flüchtend durch die Täler wand, den galoppierenden Mähren zu entkommen, die im Mondlicht schweißig glänzten, was aufgrund ihres fahlen Fells, und auch durch die Begleitung einer Nebelbank, nicht leicht zu erkennen war, trotz des klaren Traumes. Gerade dieser Traum (seine Funktion, nicht sein Inhalt), war der Schlüssel zu Myrrha, die vor 6000 Jahren (wir runden hier, die Jahre werden in zunehmender Entfernung zu Mikromillimetern) noch nicht das Privileg erfuhr, im Liegen sterben zu dürfen, und die sich noch genau daran erinnern konnte, wie sie an ihrem Blut ertrank, das aus ihrem Hals strömend die falschen Wege genommen hatte.
Fast alle Träume des Gelingens, in denen Innen und Außen, Bewußtsein und Sein, Ich und Welt in magischer Einheit sich befinden, leben vom Bildervorrat erinnerter oder imaginierter Kindheit.


Erstes Tableau

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