XIX. Das Gericht der Abwesenheit
Das leichte Gewand eines quälenden Schattens umzürnt meine Haut, als ich das Licht wie unter gespenstischen Wogen verlasse, um halbiert im Zwielicht zu schaukeln. Beinahe habe ich die Grenzfälle beim Rauschen gestört, den Fluß am Fortschnellen gehindert. Nichtahnend die Nähe nichtanwesender Personen. Ich fühle mich unverstanden vom Tageslicht, geblendet vom Reflex bonbonfarbener Quellgeister. Symbole zeichnen konturlose Skulpturen in den Schein, einem Firnis der Berührungslosigkeit entlaufen. Es steckt viel Weisheit in den Träumen, die außerhalb des Lebens verschenkt werden, um sie zu verstehen, oder um sie als abgesonderten Geistbefall in die ängstlichen Winkel zu verbannen; Technicolor der anderen Welt, ein großes Gemälde unterworfener Momente, ein geiferndes Trugbild. Beschlagen vom Zweifel wabern die Sinne darin. Duktus der Augen, die dieses Bild entstehen lassen. Die Nacht hat ihren Schlund überall, und saugt das Mark sonnenverbrannter Gedanken, durch Tagpartikel aufgeladen, in einen andauernden Schluckreflex hinein. Dort solutiert sich ein Wort, wird kulminiert oder elementiert. Übrig bleibt das abgezehrte Skelett eines ehemaligen Phonems, durch Kehlen während einer Testphase wiedergegeben. Es bleibt bedeutungsloses Grunzen.
An der Wand: Blutspuren. Ein zufälliges Gemälde, streng in Ocker lasiert. Der Hintergrund ein dreckiges Weiß. Der Hügel deiner Scham atmet Eigenart. Ich befahre dich mit einer motorisierten Zunge. Ein Niemandsland bist du, in meiner Vision ein Landstrich eklektischer Provinzen. Doch du bist nicht da. Da sein bedeutet hier sein, bedeutet mehr als die Phantasiererei zwischen Halbschlaf und Kontrollprogramm. Kalter Schaum webt dein Bildnis in den Ausguß, durchdrungen vom Abfall meines Gesichts. Manchmal fürchte ich die grundlosen Reste einer Existenz, die mit dir den Raum verließ. Die Zunge liegt wie ein Rebus in meinem Mund, liegt wie ein angekettetes Tier unter meinem Gaumen. Sprache nicht möglich. Diese Zunge steckte schon überall in dir, gut aufgehoben, warm umschlossen. Dein Körper ist Gestalt. Dein Körper ist Gericht in seiner Abwesenheit. Die Klänge deiner Vergangenheit vibrieren im Emaille am Ende der Straße unserer Lagerstatt, meiner Lagerstatt, deiner Lagerstatt. Entfremdung von Innen.
Ich spreche mit deinem Schaum, den du mir hinterlassen hast, spreche die Worte, ohne sie zu berühren. Jetzt sage ich sie wie unter dem Zwang zu erbrechen, sibiliere sie. Ich spreche und ich sage nichts dabei. Ich sage nicht: „Ich liebe“, nicht, daß ich dich liebe, nicht, daß ich dich lieben könnte, sage nicht, daß ich mir wünsche, dich zu lieben, wünschte, wenn du jetzt hier wärst, daß ich dich gerne geliebt hätte – ich sage deshalb nichts. Ich spüre deinen Schaum aus nächster Nähe in die unbekannte Schlucht hinabtropfen.
Das leichte Gewand eines quälenden Schattens weicht hinter die Tür zurück, hinter die noch niemals jemand seinen Dreck gekehrt hat, hinter der ein einsamer Nagel auf die durchtränkte Luft lauert. Ich sehe dich trocknen am Nagel, naß wie du bist.
Ein zusammengefalteter Himmel liegt vor dem Fenster. Ein Himmel voller Reklame für einen beginnenden Tag. Die Erdachse hält auch heute dieser irrsinnigen Geschwindigkeit stand. Du lächelst, zumindest deute ich, du könntest lächeln, wenn du mich nur zu sehen bekämst. Doch wenn du mich zu sehen bekämst, wäre ich nicht hier. Ich wäre dann in dir, denn ich bin du, bin du, wenn du hier bist. Wir benutzen das gleiche Herz, sind das Ganze, sind nicht du und ich, sind ICH, sind DU.