XL. Eine Handvoll Zeit
Ich hatte eine Schwäche für große Lagerhallen, die schon seit langer Zeit leer standen, wie mich überhaupt alle verlassenen Gebäude interessierten. Oft fiel mir auf, daß wir gut daran täten, die Zeit nicht in Sekunden, Minuten und Stunden, tropisches, siderisches und anomalistisches Jahr einzuteilen, sondern in Staub, Staubschichten, Staubkonsistenz. Zeit war nunmehr nur Staub. Hier, im Innern eingeschlossener Vergangenheit konnte man die Zeit wiegen, eine Handvoll Zeit zur Nase führen und ihr Aroma spezifizieren. Sie lag hier überall herum und ich durchpflügte sie mit den Füßen.
Vor der Lagerhalle mit den beiden Lokomotiven lag ein ausgerupftes Feld vor einem Waldrand. Im Wald selbst war es seltsam still. Nichts raschelte oder windete, nichts schlich durchs Unterholz oder benagte Rinde. Stille ist die Angst vor der Dunkelheit in den Antipoden der Seele, wenn jedes Geräusch den Kopf beruhigt, wenn es beteuert, daß man auch sehen könnte, was dieses Geräusch verursacht, daß es kein Geräusch von alleine ist. Man hörte das Unheil nicht kommen, wenn man auch nur eine Nuance lauter war als die Stille, die sich zu bewegen schien. Sie drang ein in das Denken und stachelte das Blut dazu an, in den Schläfen zu pochen. Die Urangst schuf sich Platz in der Brust, nistete sich ein, vermehrte sich. Stille ist nicht auszuhalten, insistiert vollkommene Orientierungslosigkeit. Der Wald in Stille. Die Bäume standen tagein- tagaus an ein und derselben Stelle, die Nacht wogte mit ihren Hirngespinsten in den Ästen. In Stille. Aber die Bäume wußten, ich bin da.
Furcht ist ein Kardinalsgefühl. Sie zu überwinden ist die erste Tugend. Draufgängerisch zu werden ist die erste Falle. Die Dunkelheit hat den entscheidenden Vorteil einer Leinwand. Sie projiziert das Abbild der eigenen Seele in die Luft. Eine Richtung oder eine bloße Dimension gibt es nicht mehr, die Sinne sind ausgeschalten und der Projektor des eigenen Selbst läuft auf höchsten Touren. Die Welt verändert sich und zieht ungesehen vorbei.
Kein wildes Tier und kein Räuber lauerte in diesem Wald – aber was war mit den verlorenen Energien, die man ebenfalls in den alten Häusern spüren konnte? Bedienten sie sich nicht den eigenen Ängsten und führten sie dann auf wie ein Schauspiel? Impressionen und enigmatische Emanationen überdauerten die Jahrhunderte, weil sie unseren Hang der Zeit gegenüber nicht kannten. Aber sie besaßen ein Gespür für starke Einbildungskraft. Meist spielten sie mit den Geistern der Erde und dachten nicht über uns Menschen nach, und wenn sie uns begegneten, nahmen sie uns nicht ernst.
Damals, in der Erinnerung aber Jetzt:
Manchmal wünschte man sich, ein Auto käme gefahren, um das Gemüt etwas zu beruhigen, Stille zu durchbrechen, Dunkelheit beiseite zu schieben. Während die Lichtkegel durch das Dunkel brachen, hatte man Schonzeit und wurde nicht von Spukgestalten überfallen. Doch dann steht man wieder auf einem Weg, den man nicht sehen kann, Geschichten drängen an die Oberfläche, von rätselhaftem Verschwinden, Phantomen und Erscheinungen. Der Verstand kann uns nicht beruhigen, denn gemessen an den Rätseln der Welt hat er überhaupt keine Bedeutung, die Wissenschaft ist nur ein kleines lächerliches Murmelspiel, ein Zeitvertreib unserer Neugierde.