XLI. Evaluation

Im Gräsermeer gab es früher eine Liebe zu bestaunen. Ich glaube, jeder Landstrich, jedes Feld, jeder Busch, kurz: jeder Fleck in der freien Natur hat eine Liebesgeschichte auf Lager. Wenn ich hier außerhalb der großen morschen Halle umherstreune, kann ich sie erkennen wie einen Spuk, fasse hindurch die Gestalt eines kleinen melancholischen Mädchens, hindurch die Gestalt ihres schüchternen Begleiters. Du aber…
„… müßtest die Schwingungen viel wesentlicher empfangen können, wenn du hier bist.“
„Ich bin, wo du bist.“
So eine unsichtbare Stimme hat etwas Provozierendes.
„Würdest du die beiden für mich fragen, was aus ihnen geworden ist?“
Eine Stimme, die von überall zu kommen schien, sagte:
„Wir sind schon lange nicht mehr hier, dieser Platz hat sich sehr verändert. Wir lebten in einer Zeit, als hier noch Züge abfuhren. Stets sahen wir ihnen nach, denn es war überhaupt unsere größte Freude, die Züge ankommen und abfahren zu sehen. Wir sind nicht hier und für immer hier. Unser Gedächtnis wird über die Lande gleiten und sie sehnsuchtsvoll berühren. Im Wald hatten wir eine Kate in einem Krater, und im Sommer streiften wir durch die Vorgärten der Stadt. Meistens aber spielten wir hier. Ein Bahnhof ist ja gar so interessant.“

Evaluation

„Schau, wenn wir hier stehen, können wir den Zügen nachsehen.“ Er träumt mit offenen Augen, erwartet kaum das sehnsüchtige Verlangen nach der Ferne, das reisende Objekte in ihm auslösen.
„Ich dürfte überhaupt nicht hier sein mit dir.“
Sie spielt mit dem Zeigefinger in ihren Locken, ringelt sie auf, sieht verlegen drein, betrachtet ihre Schuhe, betrachtet seine Schuhe, seine Knie.
„Wir haben kein schönes Leben.“
Nur weil sie sich so gern hatten war es kein schönes Leben.
„Vater sagt, wenn ich dich noch einmal treffe, schickt er mich ins Internat.“
Er beißt an seinen Fingernägeln, frißt sie auf, sieht verlegen drein, betrachtet ihre Schuhe, betrachtet seine Schuhe, ihre Knie, die sich wie reife Äpfel färben, wie Wangen in der Glut, die Kniescheibe zuckt, dann ein Schritt in seine Richtung. Augen begegnen sich auf ihrem weiten Weg durch die Sinnesreize. Ein langer Zug rast vorbei, schwermütig – und stinkt nach Eisen und Kohle, von weitem schon vibriert das Land wie ehemals unter dem Gehuf einer Rinderherde, wird stärker und lauter, fährt durch die jungen Leiber wie ein Stromstoß.
„Könnten wir doch einmal selbst darin sitzen und der Zeit entfliehen“, sagt sie laut in den ratternden Wind, der ihr Haar mitreißt.
Das ungereifte Unglück - wir wurden zu Gespenstern zwischen all dem Fortschritt der anderen, die mit ihren Beinen jonglierten und davontrampelten, während wir beide im aufgewühlten Sand verblieben, zwischen Gebäuden eingeklemmt, die sich leerten und einander näherten, an Grashalme gefesselt, unsere Grashalme und Ginsterflächen, unser flirrendes Grün, das abfärbt auf die schlanke Haut, unsere Bänke eingekerbter Herzen, im Herbst, Frühling, Sommer, das Ausderstadtherauswollen in unseren Blicken, die wir uns auch im Wind stehend schenkten, in unseren Küssen, naß wie trocken, tief wie flüchtig, - das ungereifte Unglück saßen wir aus und winkten den Endlichtern der Eisenschlangen zu, die sich durch Reste von Buschnestern wanden, kleiner wurden, verschwanden, uns vergasen, nie wiederkehrten.
Manchmal legten sie sich auf den Bauch, mit dem Kopf ganz nahe bei einem Schienenstrang, so daß der Sog des vorbeirasenden Ungetüms sie beinahe einsaugte. Das Räderwerk zerschnitt fast ihre Lippen. Es war so nah der Tod, so nah, das Eisen so nah. Brüllende Vorwärtsbewegung, die Oszillation der Wagen, nicken und galoppieren vor den besessenen Gesichtern. Wie laut doch die Hölle ist. Ein Geräusch unsäglicher Erschütterung.
„Was soll ich ohne dich anfangen?“
Ihre Schuhe, ihre Knie, seine Schuhe.
„Warum kommen manche Menschen nie zurück?“ fragt sie statt zu antworten. „Ich meine, sie gehen aus dem Haus und kommen einfach niemals wieder zurück. Sie gehen fort, für immer, verstehst du?“
„Vielleicht ist die Welt sehr groß“, sagt er.
„Aber sie müßten doch eines Tages wiederkommen. Sie könnten die Eisenbahn nehmen, die kennt den Weg, wo immer man auch ist.
„Meinst du, wir könnten ebenfalls fortgehen?“
Er setzte sich in die Wiese und hoffte, daß sie es ihm gleich tun würde. Er beobachtete sie gerne dabei, wie sie sich nach unten beugte, das blaue Sommerkleid raffte, sich dann abwesend die Strümpfe hochzog. Er selbst ließ seine immer nach unten rutschen, denn sie hatte ihn unterrichtet, daß ein Junge die Strümpfe niemals bis zu den Knien ziehen dürfe.
Sie sagten nie, daß sie sich lieben würden, sie sagten nie, sie seien füreinander geschaffen, sie sprachen nie von ihrem Herzen, nie von ihrem Leben, nie von ihren Plänen, nie von ihrem Tod. Daß sie weggehen würden, das sagten sie oft.

Sechstes Tableau

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