XLII. Würzen Sie Ihr Essen!
„Es fahren nur noch Autobusse“, sagt der Mann, der neben mir steht, „aber der Ort, den Sie da nennen, den kenne ich nicht. Sie sollten einen anderen fragen. Ich gehe jetzt wieder, hören Sie? Fragen Sie einen anderen!“
Ich bleibe vor einem ruinierten Fahrkartenautomaten stehen. Der Mann bewegt sich wieder zu den Gleisen, sieht sich nach allen Seiten hin um, seine Augen schaufeln sich blinzelnd abwechselnd Schatten und Licht herbei.
„Wo wollen Sie eigentlich hin?“ rufe ich ihm hinterher, interessiert an ungenauen Zielen.
„Fragen Sie einen anderen!“ Ohne mich anzusehen.
„Es ist aber niemand hier!“
Er dreht sich langsam um, still wie im Traum, geisterhaftes Credo. Eine Zeremonie, es fehlt die Musik, sie müßte neblig sein, Moll.
„Sie dürfen nicht denken, daß ich Ihnen helfen kann. Den Eindruck will ich nicht erwecken.“
„Machen Sie sich keine Sorgen. Aber der Ort, den ich ihnen nannte, muß hier ganz in der Nähe sein.“
Denkt er daran, mir zu antworten während er den Kopf mir zu liebe bewegt?
„Es gibt diesen Ort nicht. Fragen Sie einen anderen!“
„Ich würde ja gerne, aber Sie scheinen der Einzige zu sein, den man in dieser Stadt überhaupt noch antreffen kann.“
Die graue Tasche fällt mit einem satten und schlüpfrigen Ton auf den Asphalt, der wie aufgesprungene Hornhaut aussieht. Der Fremde, fremder als ich, schlägt die Hände vor sein abgedunkeltes Gesicht. In einem entsetzlichen Wimmern seufzt sich Vergessen und Angst zwischen den Fingern hervor.
„Das dürfen Sie nicht sagen! Ich bin nicht der Einzige. Das würde bedeuten, ich wäre der Letzte. Aber es muß noch andere Passagiere geben, glauben Sie mir!“
Die Hände fallen, der Blick ist nach wie vor ein Schleier aus Trübsal, der die obere Hälfte des Gesichts verdeckt.
„Beruhigen Sie sich! Sehen Sie sich um. Dieser Bahnhof scheint nicht mehr zu existieren. Und daß hier Busse fahren, wie sie sagten, kann ich ebenfalls nicht glauben.“
Wie kommt man aus einer Stadt heraus, die für sich verschwindet? Das Felsenlabyrinth war in meinen Träumen ein Anker, das Leuchtmoos der Lichtbringer, Lucifer, Dianenquelle, Teufelstreppe. Ich konnte mich an nichts mehr klammern in diesen Tagen. In Bewegung bleiben, wenn man am Erfrieren ist, nicht rasten, ruhen – wo überhaupt soll Ruhe sein in der flächendeckenden Stille, der Zersetzung des Lichts, Schlagschatten aus der Welt der Dinge? Der Namenlose schien plötzlich nervös und schüttelte sich. Ich vermutete, daß er nirgendwo hin wollte, sich im Kreise drehte wie ein wirbelndes Kind, die Achse starr, die Arme ausgebreitet. Auch eine Reise, die Verzweifelte Action auf engstem Raum, daß er einer inneren Stimme folgte, einer Stimme, die auch ich manchmal hörte, die ihn zwang, jeden Tag ein altes Ritual aufzunehmen, als letzte Bastion einer Erinnerung an eine intakte Welt, ein Restprogramm, das Reizphantom in seinem Kopf. Pünktlich wie der Sturmtaucher, der selbst mit einkalkuliertem Schaltjahr stets in der Nacht vom 26. auf den 27. September auf seiner Brutinsel zwischen Tasmanien und Australien eintrifft, zog der Verlorene, der Fremde seine Pünktlichkeit der Pünktlichkeit eines Zuges vor, nur um hier zu stehen und da gestanden zu haben.
„Wollen Sie nicht mitkommen? Haben Sie schon einmal das Leuchtmoos gesehen? - es ist sehr schön.
Er starrte mich an, dann ließ er die Schultern hängen.
„Es tut mir leid. Sie müssen einen anderen fragen. Ich bin ein Zugpassagier, und niemals, wirklich niemals, kann ich einen Bus besteigen. Damit geriete die Welt aus den Fugen, wenn Sie verstehen.“
Die Welt w a r aus den Fugen, ist aus den Fugen. Welche Welt? – was ist das für eine Welt, die sich verabschiedet?
„Was ist aus den anderen Zugpassagieren geworden?“
Wir unterhielten uns von Welt zu Welt über eine gewisse Distanz, die nicht zu verringern war.
„Ich fürchte, ich bin wirklich der Letzte“, sagte er resigniert ohne meine Frage zu beantworten.
Ich dachte nach und kam zu dem Schluß, daß allein die Tatsache, daß er ein Zugpassagier war, genügen müßte, um überhaupt einen Zug erforderlich zu machen. Es gab einen Passagier, also mußte es einen Zug geben, einen endgültigen, einzigen Zug. Ich teilte ihm meine Überlegung mit.
„Ich verstehe, was Sie meinen“, sagte er, „aber Sie müssen auch wissen, daß dieser Bahnhof sehr alt ist. Ich glaube, er ist 240 Millionen Jahre alt. Unter dieser Station befindet sich nichts als Phyllit, Quarzit und Marmor, der hier oben auch sehr schön wäre. Als das erste Mal getrocknete Chilischoten, Korianderkörner, Kreuzkümmelsamen, Fenchelsamen, Bockshornkleesamen, schwarze Pfefferkörner und gemahlene Curcuma in einem Mörser aus schwarzem Marmor mit einem Pistill zerstoßen wurden, nahm das Verhängnis seinen Lauf. Sie erkennen daran, wie geisterhaft es hier zugeht.“
Wenn jemand Vergnügen daran findet, nachzuschlagen, dann wird er schnell finden, daß es sich bei dieser Zusammenstellung um ein ganz außergewöhnliches Gewürz handelt, das hervorragend zu Fisch oder Meeresfrüchten paßt. Und es ist ja auch kein Wunder. 240 Millionen Jahre!- das schien mir ein sehr alter Bahnhof zu sein.
„Ist es nicht sehr ungewöhnlich, daß es hier um eine Gewürzmischung geht?“
„Guter Gott, nein! Verstehen Sie denn nicht!? Sie müssen Ihr Essen würzen! Tun Sie es!“
„Aber ja, ich tue es.“