XLIV. Solange die Stadt nicht gefunden ist
Dieser Ort war beatmet, hier war der Hauch eines großen Mysteriums gegenwärtig. Platon kannte solche Orte und schrieb im Phaidon:
Du kennst die Geschichte von den Seelen, die ruhelos über Gräber und Friedhöfe wandern, in deren Nachbarschaft man geisterhafte Phänomene sah; es handelt sich dabei genau um jene Art von Erscheinung, wie Seelen sie hervorbringen, die im Moment der Entlassung nicht rein waren, sondern noch Teile der sichtbaren Substanz mit sich führten, was erklärt, warum man sie sehen kann. Ganz eindeutig sind das nicht die Seelen der Guten; es sind die Seelen der Bösen, die als Strafe für ihre schlechten Taten im früheren Erdenleben dazu verdammt sind, an jenen Orten umzugehen.
Ich fragte meine unsichtbare Begleiterin, ob wir es hier mit einem derartigen gespenstischen Ort zu tun hätten.
„Es ist so ein Ort“, sagte sie.
„Du glaubst, daß selbst dieser Fremde…“
„Dieser Mann ist nicht hier. Ebenso wie die beiden Kinder, die du Verliebte nanntest, nicht hier sind.“
„Ich nannte sie nicht nur so. Es schien mir offensichtlich.“
„Unzertrennlich bedeutet nicht automatisch verliebt.“
Wir hatten dich herausgeholt aus dem Nichts, dem steinernen Garten. Die Dunkelheit zwischen zwei Schatten.
Das Idyll: Trügerische Schönheit, die man erblicken will, dorthin sich retten mit letzter beeindruckender Kraft. Liegen bleiben. Außenherum versinkt die Welt im Chaos, aber dieses Idyll ist das Brandmal auf schwarzem wissendem Papier. In Hügelketten wellend. Im Idyll – eine Sekunde des persönlichen Empfindens lang. Hier spricht die Erde. Nichts ist erschaffen, alles erwachsen im Spiel der Gewalten. Das Leben kein Spiel – was dann?
Man will seinen Körper schützen, man läßt nicht ab davon, ihn zu erhalten. Aber man geht stumm ins Verderben, weil man aus irgendeinem Grund annimmt, der Stärkere zu sein. Jeder Makel muß erst bewiesen werden. In seinem eigenen Körper vermutet man nur sich selbst. Die Gedanken hält man für unhörbar, für ein solides Geheimnis. Wer immer weiter läuft, bekämpft die eiserne Hand in der Brust, sie kann sich nicht um das rasende Herz schließen. Die Bewegung rettet vor der Resignation. So ist es auch in einem Gefängnis. Man hüte sich davor, den ganzen Tag auf dem Bett zu fläzen und nur die Stunde Hofgang mitzumachen. Die Zeit schaltet einen Gang zurück, wird durchlässig für die tödliche Langeweile, die das Gehirn erweicht.
Wenn Du einen Weg entlang gehst, ist es Deine Bestimmung, an eine Kreuzung zu gelangen. Wie Du Dich dann entscheidest, das ist Deine Wahl. Was Dir auf diesem neuen Weg begegnet, ist Dir bestimmt; wie Du diese Begegnung meisterst, liegt in deinem Charakter fest, der die Summe der Erfahrungen Deiner gegangenen Wege ist. So kommst Du an eine nächste Kreuzung…
Solange die Stadt – die Stadt nicht gefunden ist – so lange bleibt jeder Versuch nur eine geisterhafte Scharte auf der Haut der Erde. Alle Städte sind verlassen von den Lebendigen, und bewohnt von dem, was nicht mehr lebt, oder: niemals leben kann.