XLIX. Verrückt war ein gutes Argument
Dieser endgültigen Welt schien Adam ausgeliefert zu sein, dieser ein-für-allemal-Unbeständigkeit, diesem Hervorbrechen der Ungewißheit, des steten Wandels, Gylfaginning nennt es die Edda, χάος nannten es die Griechen in ihrer alten Sprache, die heute nur noch ein leeres Gefäß ist und an die Zeit der humanistischen Bildung erinnert, an Schulpforta, dem Gotischen Haus, dem Neugotischen Haus und dem einstigen Kälberstall. In dieser Welt ruhst du nun aus, oh mein Haupt, tat tvam asi, schaust der endgültigen Welt etwas in die umherschweifenden, das heißt irren, Augen, und freust dich, labst dich am Bach dort an der Mutterbrust – eine Weile zumindest, bis du groß und stark wie eine vollgesogene Zecke von alleine abfällst. Du findest darin Calcium, Makrophagen, Wasser, Spurenelemente, Lipasen, Phosphor und Kohlehydrate. Das ist mehr als dich später erwartet, wenn die H-Milch erfunden sein wird.
Das pataphysische Problem: wir wissen genau was drin ist; solange wir daran lutschen, haben wir keine Worte dafür, sobald wir die Worte gefunden haben, verschwinden im gleichen Atemzug die Geschmacksknospen für das, was wir schmeckend ausdrücken wollen.
Adam war neun als er Sebastiana erzählte, der Wald spräche mit ihm. Sie lachte, nahm ihn ins Haus und stopfte seinen Mund mit Süßigkeiten aus. Aber auch schmatzend berichtete er ihr, daß er nun wüßte, daß all die Märchengestalten und Naturgeister, von denen Johanna, ihres Zeichens die Ewige Urgroßmutter, immer erzählte, wirklich gab. Das beunruhigte Sebastiana nicht wenig. Sie setzte sich zu mir an den Küchentisch – es war derselbe Tisch, auf dem ich vier Jahre vorher das Schreiben erlernt hatte, oder vielmehr: mit Wachsstiften die vorgegebenen Zeichen nachgefahren war; Geheimnis der Welt, gleich hab ich dich!
„Wo im Wald bist du gewesen?“ Es war eine Frage, die in ihrer Nuancierung zwischen Neugierde und Furcht hin und her schwang. Ich roch und schmeckte Absichten und Meinungen.
„Oh, ich war überall.“ Wie recht ich damals hatte. Überall; das hieß wohl, die Unendlichkeit ist immer dann zugegen, wenn man keine Grenzen mehr wahrnimmt. Überall ist das Blau des Himmels, überall ist das Vergessen, das Ende der Reflexion über einen Ort, an dem man sich nachweislich aufhält.
„Doch nicht im Steinbruch!“ Was ist deine tiefste Angst, deine schlimmste Vorstellung?- was ist der Steinbruch für ein Symbol! Aufbruch und Abbruch und Spuk und Tod und Teufel! Aber ich war da nicht. Alleine ging dort niemand von uns hin. Spuk und Tod und Teufel. Der Abfall war lebendig, er hatte sein Ausdampfen, alles voller Symbole. Verdaut und geschissen. Die Zivilisation setzte justament in dem Augenblick ein, da man sich die Jauche für das Feld kaufen mußte.
„Ich war einfach nur im Wald.“
„Und der spricht mit dir?“
Eigentlich war es kein richtiges Sprechen. Es war mehr ein Flüstern, man hörte es auch nicht mit den Ohren, sondern mit dem ganzen Körper. Adam sagte es ihr und sie sprang vor Entsetzen auf. Es ist nicht ganz einfach, jemanden zu erklären, man nähme Dinge wahr, die er nicht wahrnehmen konnte. Hätten wir in einer großen Stadt gelebt, hätte sie mich jetzt fragen müssen, ob ich Drogen nähme; wäre ich älter gewesen, müßte sie mich gefragt haben, ob ich etwas getrunken hätte. So aber blieb ihr nicht viel Spielraum. Verrückt war ein gutes Argument.