XV. Die Geschichte will Wanderschaft

Auf die Frage, warum wir hier seien und andere Menschen woanders, ja wieso wir überhaupt diejenigen seien, die wir sind, fand Carlos Antworten, die den Historismus nicht verließen.
„Menschen sollten nicht fortgehen“, pflegte er zu sagen. „Sie sollten Reisen, das wohl, aber sie sollten immer wieder zurück kehren. In der Welt werden sie nur feststellen, wie ihnen das Herz gebrochen wird. Im Grunde waren wir schon immer da. Wir wanderten etwas umher und gehörten bald zu dem, bald zu jenem politischen Ereignis (wir wurden, glaube ich, im Zuge des Österreichischen Thronfolgekrieges aus dem Kernland der Boier gespült, doch nicht sehr weit, wie man auf einer historischen Landkarte sehen kann, genaugenommen nur bis zum nächsten Gebirgszug, verblieben aber im Egerland und waren bis zur Auflösung der Donaumonarchie Österreicher, danach Deutschösterreicher, und dann endlich Frank und Frei, genauer: Frank und Frei im Herzogtum Franken, und gar nicht mehr so frei, als sich die Bayern das Land kauften. Carlos’ Vater fand sich im ersten Weltkrieg noch in die Lappen des Österreich-Ungarischen Heeres gewickelt und böllerte für Franz Ferdinand und Sophie auf die Leiber der Serben – und später auch Italiener-, und noch später auf alles. Doch wie weiter? Das Dunkel der Geschichte ist gleichzeitig ihr Heiligtum), aber das war nicht unsere Schuld. Natürlich hätten wir fortgehen können, aber fortgehen heißt: die Vögel nicht mehr verstehen- “
„Und die Menschen auch nicht“, warf Adam ins Feld.
„Die Menschen sind unwichtig. Die versteht man sowieso nicht.“
Die Geschichte aber will Wanderschaft, doch vorher muß sie sich eine Flause einfallen lassen. Die sengende Sonne gerät über die Wipfel. Wie ein unauslöschliches Auge betont sie, daß sie allein alles sehe weil sie allein alles ausleuchte. Und ich sehe auch dich, wie du grübelst, das junge Herz bereits auf Wanderschaft. Noch in den Ruinen von Traum-Babylon umherirrend wird sich Adam fragen, ob nicht das Querfeldein seines Lebens inklusive des früh kennen gelernten Panpsychismus (eine spätere Form des Animismus, wenn man den Tisch schilt, an dem man sich soeben gestoßen hat, ihn beschuldigt, im Wege gestanden zu haben, absichtlich der Tisch im Weg zu sein, und höhnisch Tisch bleibend, sich nicht einmal rechtfertigt), von dem man ihn nie kuriert sah, für seine Malaise verantwortlich sein könnte, und nicht die sonderbar bohemialen Auswüchse seiner eingeborenen Würde, die nur aus dem Lustgebaren sprossen, in etwas kriechen zu wollen. Oder ist am Ende die Genealogie der Auslöser einiger statthaften Irrfahrten (und nicht: er lebte, nahm sich eine Frau, und starb), frug sich der Pilger Pikid weiter. Von Carlos hatte er auf den unzähligen Waldwanderungen („Sperber!“ – „Was ist mit Wölfen?“ – „Drossel!“) erfahren können, daß dessen Eltern zwar keine Bohemischen Rhapsoden waren, aber durchaus von ihnen abstammten. „Adlige Sänger“ (Räuspern). Anders wie bei den Bänkelsängern der ganzen weiten Welt Europas wäre an ihnen das Besondere gewesen, daß sie sich der Hohen Minne bedienten. Der Unterschied zwischen Bänkel und Minne (fand Adam ziemlich bald heraus), bestand lediglich darin, daß es die einen mit billigen Nutten hielten und die anderen lieber mit Ehebruch.


Erstes Tableau

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