XVII. L’amour Passion
Es kränkt sich Stufen aufwärts, es kränkt sich Stufen abwärts. Es schlurft in einer Tour, schlappt halbfüßig, zu faul, ganz bar zu gehen, auf kalten, abgewetzten Stein herumb (wie: in den Dörfern herummer betteln gehen). Der soll sagen, daß sich Stein nicht wandelt, der das meint! Ewig gleicher Schritt nutzt die Mitte ab, drückt seine Dauer hinein und schreibt der Zeit ein kosmisches Epos. Ein Loch ist im Eimer, eine Scharte im Getrepp.
Draußen ist es heiß und ich bin noch keinen Deut älter geworden. Die Wirklichkeit sieht genauso aus, wie auf diesen alten Fotos, die einen weißen Rand haben. Selbst die grellsten Farben entwickeln sich seltsam, ihnen fehlt etwas um die Nase herum, aber ich kann nicht sagen, was es ist. Das Gras wächst hoch, es wird nur um die Haustür herum gemäht. Ich kann mich an kaum etwas anderes als die Einsamkeit erinnern. Wenn ich im Nachthemd umher torkle, fühle ich mich frei. Dieser Körper ist gut für die Dreidimensionalität, ich bin einverstanden mit ihm.
Nur im Keller ist es kühl. Dort sind die Rätsel einer anderen Zeit vergraben, abgenutzter Spielrat; Kreisel, Holzwürfel, Figuren aus Blech, Mecki Mucki von Steiff, Klöppelkissen, Puppenkoffer, Raupe mit Anhänger; drunten. Dorthin führten mich die Arme von Simone und Katjanka, um den quergelegten Obelisken wachsen zu sehen. Wie ein Mutant wurde ich den Freundinnen vorgeführt, die im Kellergang verlegen und neugierig an der Wand lehnten, während mir Simone dabei half, so schnell wie möglich aus den Kleidern zu kommen. Das Gelächter über den grotesken Pfahl brach sich an der gemörtelten Wand. Alles ein Spiel hier unten, und nicht weniger das Herzrasen der völlig entblößten Kreatur, die noch heftiger erregt wird durch ihre ausgelieferte Haut.
Nachts: Ich mag den Duft der Nacht, wenn sich die Sonne nicht mehr sehen läßt, aber die Luft von ihrer Einwirkung steht und vibriert. Die Körper schlafen und dünsten aus, Schweiß stinkt nach Hopfen, jeder Schritt kommt dem Einschlag eines Meteoriten gleich. Aber vielleicht existiert die Objektive Realität nicht, und es ist für uns bedeutungslos, von Dingen oder Objekten zu sprechen, als hätten sie über den Verstand des Beobachters hinaus irgendeine Realität.
Diese Schritte schlurfen von selbst. Er, ich, schlurfe in den viel zu großen Latschen. Mehr noch als alles andere interessiert mich, daß ich in etwas drinstecke, das mein Körper genannt wird; also: mein Körper. Etwas, das ich mir angeeignet habe, etwas, das ich bekommen habe, das dem, was ICH ist zur Verfügung steht oder ihm sogar zeitweilig gehört.
Die Treppe auf und ab, die Treppe (ein steinernes graues Gebilde, bemalter Klinkerbeton, vom Flur in den Keller). Dieser Stein existiert noch. Heute bin ich fern von ihm (dem Kunststein ein Lied zu singen), aber ich sehe mich, wie ich mich damals nur ahnte: an einem anderen Ort kaleidoskopierend in Erinnerungen wühlen. Es kränkt sich Stufen aufwärts. Ein Gefühl wie Koffein nach purem Schlaf, wie ein Stromimpuls, ein Sheldrake-Gefühl, während dem ich über Raum und Zeit hinaus mit mir kommuniziere. Es spielt keine Rolle, wie alt ich bin, will ich damit sagen, wie alt ich war. Ich bin noch nicht einmal Eins allein, ich teile mich auf, und bin doch ein ICH von erstaunlicher Eigenheit. Ich könnte kaum vollkommener sein. Ich interessiere mich für Mädchen (es ist egal, welches Bezugssystem wir akzeptieren. Wir nehmen einen festen Punkt, die Erde; hier: die Mädchen. Das Mädchen muß eines der Mädchen sein.) Ich möchte sie sehen und ablecken, um zu schmecken, was ich an mir nicht schmecke, weil ich kein Mädchen bin. Ich könnte also doch vollkommener sein. Ich müßte das Mädchen sein und das Mädchen müßte ich sein. Wenn ich nun schon so definiert ICH bin, könnte es also kein beliebiges Mädchen sein, es müßte jenes Mädchen sein, das ICH sein kann und umgekehrt. Dies ist die Liebe aus Leidenschaft, L’amour passion des Abelard zu seiner Heloise, die nicht umhinkonnten, sich zu gehören, so wie mir das Gesicht in den Wolken gehört, die Puppe im Geäst. Aber der erfüllt Liebende hat kein Bedürfnis mehr, sich etwa in Kunst auszudrücken, weil er zur Gänze damit beschäftigt ist, zu lieben, und innerhalb dieser Liebe gar nichts anderes mehr wünscht.
Oder vielleicht doch nicht. Vielleicht müßten es alle Mädchen sein, und dann wäre es unmöglich, als ICH vollkommen zu werden. Dennoch müßte ich es versuchen, ich müßte versuchen, so vollkommen wie möglich zu werden.
Ein anderes Mal: Es geht um die Liebe, während ich durch die Nacht streife, innerhalb dieses Körpers, der friert, weil es draußen heiß ist; wie sich das Draußen an die Sonne des Tages erinnert…, nein, es geht um die Liebe, während ich hier sitze und mich im Damals bewege, das vielleicht niemals existiert hat (die Gedanken eines sterbenden Schwans, das Leben in einem Paradox). Niemand hat mich damals beobachten können in den viel zu großen Schuhen, auf dem Weg zu Nostalgie und Vergangenheit, die ich im Keller zu finden hoffte. Ich bin Eins, nicht älter oder jünger – Eins – ein ganzes Leben in Einem und gleichzeitig. Alles was ich denke, existiert; wenn ich mich denke, existiere ich.
Es geht noch weiter hinunter, tiefer hinein. Er, der Körper, in dem ich einst saß: es ist nicht mehr derselbe Körper, der hier sitzt und schreibt. Wieviele Körper habe ich bisher besessen? Wieviele Momente habe ich also zu Stande gebracht? Zeitmomente, Raummomente, Bewegungsmomente.
Manchmal scheinen mir die Tage aus der Hand zu gleiten wie billige Butter, die sich ranzig durch meine Finger schiebt. Die Nächte sind dann nicht mehr als leere Hüllen, gespickt mit jeder einzelnen Stunde. Ich denke daran, tot zu sein oder vielleicht gar nicht mehr zu existieren (was nicht dasselbe ist). Ich eile durch die Gegend in einem durchnässten Anzug und mit ausgefransten Socken; irgendetwas suchen (die Queste, das wird uns in diesem Buch beschäftigen), sie suchen (ihr Name wird Myrrha sein, doch das ist ein Platzhalter, sie hat auch andere Namen), sie, die sich in den Wolken, im Geäst, in meinen Träumen und in Babylon versteckt, sie, die diese Frau ist, die ich irgendwo in der Zukunft verlassen haben muß, die jetzt nicht hier ist, die es vielleicht überhaupt nicht gibt (oder die es in allen Frauen gibt), bis ich ankomme, anlange, sie dort festhalte, in dieser Frau, die um diese Frau, die ich suche, herumgemacht ist. Ich stinke nach Haschisch und Bier. Ich erinnere mich gerade noch an meinen Namen. Dann stehe ich auf einem Felsen der Bayonner über das Meer gebeugt. Der Abgrund läßt Nebelschwaden aufsteigen. Es ist seine Art, zu atmen.
Spring ins Ultramarin! (Gedicht vom Springen). Aber ich kann nicht springen, das Springen nicht erlernt. Sie, an die ich denke, hat noch kein Gesicht, denn sie besteht nur aus dieser veränderlichen Wolkenschicht, sie, die mich zum Springen ruft, wogt wie das Wilde im Weib.
Und dann –
- sah ich sie! Ein Antlitz, das mir in den Kerker meiner Seele fuhr. Der Nebel der Phantasie trieb mir die Tränen in die Augen und ein Schwindel erfaßte mich. Für einen kurzen Moment überlagerten sich die Welten, sie präsentierten sich als Bild im Bild. Die Farben der Natur schmerzten in den Augen und die Gesänge der Vögel verzerrten sich wie durch einen Vocoder gejagt. Die Wirklichkeit wirkte nicht mehr länger. In den Wolken erblickte ich ihr Gesicht. Wie fern von mir mochte sie sein? Wie von Mächten gerührt starrte ich in den Himmel hinauf. Ich senkte den Blick, um ihn erneut zu heben. Ich legte mich flach auf den Rücken und das Gesicht schwebte über mich hinweg. Ich spürte die Unendlichkeit über mir während mein Herz aus dem Schritt raste. Was für ein Blau dieses Himmelsblau doch ist – und ihr Gesicht im reinsten Weiß, gemalt von einem Zirrusstift –
Ich erinnerte mich und trat von der Brandung zurück, aus meiner Nase rann das Blut auf die bleiche Textur meiner Textilien. Ein Traum, und das Gefühl, am Leben zu sein, beutelten im Wind. Ich vergesse nicht, welche herrlichen Lieder der Sommer zu singen vermag. Eine Harmonie, die durch das χάος entsteht, wenn die Vögel, Piccoloflöten, Blockflöten, Flageolotte, die Luft zerpressen, die Zikkaden klirren, wenn die Wälder rauschen wie ein grünes, wogendes Meer, und die Hummeln ihren Tenor unter dieses Schalldach legen.