XX. Tür aus Horn

Ich muß wieder eingeschlafen sein. Mein nervöses Rucken ist nicht mehr als das nervöse Klirren meiner Nerven, ungestimmt, vermartert, eine alte dame ging brötchen essen.
Auf in die Figur eines sitzenden Mannes. In dieser Position taste ich wie ein Verrückter auf dem Laken herum, so als könne ich meinen Augen nicht trauen, meinen Händen aber schon. Da müßte sie jetzt liegen, und meine Hand müßte eine warme Haut berühren. Ein leises Seufzen aus ihren halb geöffneten Lippen, und dann die schlangenartige Bewegung, wenn ihr Körper näher an meinen Leib hin rückt, vielleicht ein Arm, der sich schlaftrunken über meinen Bauch wirft, oder ein Fuß, der einen meiner Füße kreuzt.
Der Platz neben mir ist leer, das Bettzeug zerknautscht und irgendwie entleibt. Ich selbst mit der Lasur meines Schweißes bedeckt, atme nur mit der oberen Körperhälfte, das Pleura hinkt, man fährt auf, als würde man unter Wasser gedrückt und keine Luft mehr bekommen – eine letzte Attacke zum Leben hin, zum Leben – ach! wo warst Du!?
Ich starre zur Tür, die nicht richtig zu schließen ist. Sobald es draußen etwas windet, springt sie aus dem Schloß, und wedelt in Zeitlupe wie der Tanzpartner des flüchtenden Gastes, der zum Fenster eilt, daraus entschwindet, um erneut von unten zurück ins Gebäude, oder gar von oben durch den korallenroten und abgeplautzten Giebel einzustieben.
Darf ich bitten, frohe Tür, laß das Ächzen sein, du willst es doch auch!
Es war still im Zimmer, und ein dreckiges oranginfarbenes Licht drang durch das verschmierte Fenster über dem Bett, um sich im ganzen Raum wie ein giftiger Dunst auszubreiten.
Sie war hier; ich lausche meiner eigenen Stimme, die sich anhört, als käme sie aus dem Trichter eines Grammophons. Dann nehme ich erneut Blickkontakt mit der leeren Stelle neben mir auf, und berühre in der Hoffnung einer plötzlichen Materialisation das Laken, die See. Ich bilde mir ein, ihre Körperwärme dort zu spüren, noch immer präsent – sie kann noch nicht lange fort sein.
Sie hat die Tür geschlossen, wie sie das immer tut, die gleiche Sanftheit lag darin; die angefaßte Tür, das verlassene Ich, die kurz überflogene Treppe nach unten, den Laternen zu, den Schildern, der schlechten Luft, die hier im Zimmer kaum anders strömt, die vielleicht mehr steht, das ist wahr. Das Licht ist der Ersatz für ihren Körper. Ich habe beschlossen, daß sie keinen Namen tragen soll, daß ich ihn vergessen will, was nicht dasselbe ist, als wenn sie nie einen gehabt hätte. Die platonische Frau, das Wesen hinter allen Frauen, die grundlegende Idee. Sie hätte es verdient, nackt und aufgellend durch die Lüfte zu schweben, frei von allen Konventionen des Fleisches. Wenn sie nicht hier ist, dann ist sie diese Frau, dann ist sie reinstes Hirngespinst, nicht einmal Traum, Einbildung und Gedankensubstanz.
Die Welt ist ein merkwürdiger Ort, und alles, was wir erfinden, war in Wirklichkeit schon immer da. Das Geheimnis des Alterns hängt mit unserer Erziehung zusammen. Jeden Tag, den wir bestreiten, jedes Abenteuer, das wir bestehen, behält sich selbst ein wenig Energie von uns zurück. Nicht viel, zugegeben, es ist wirklich nicht viel. Aber wenn wir uns eines fernen Tages daran erinnern, wie es damals war, dann tun wir nichts anderes, als die dort zurückgelassene (geraubte) Energie zurück zu holen. Es ist, als ob man ein Kleidungsstück oder einen Koffer absichtlich zurückläßt, um einen Anlaß dafür zu schaffen, noch einmal vorbei zu schauen. (Die Erinnerung, die ich hier vorstelle, und die, zugegeben, mit allerlei irisierenden Bildern gekennzeichnet und übersättigt ist, ist einem „was-wäre-wenn“-Zustand, der sich dadurch rechtfertigt, überhaupt nur gedacht werden zu können, nicht unähnlich. Sobald ich mich erinnere, denke ich mir die Erinnerung aus, die sich hervorragend „erinnert“ anhört, in Wirklichkeit jedoch nur ein Tänzchen der Wahrscheinlichkeit aus dem großen Strom des Lebens herausbricht. Das Muttum (das ganz richtig „grunzen“ meint),  ist einfach: warum sollte etwas, das in unserer Erinnerung nie geschehen ist, nicht ohne unser Erinnern geschehen sein? Der Kosmos mit seinem Drum und Dran wird alle Konstellationen durchlaufen haben, bevor er sich wieder zusammensacken und im Ei der Eurynome verstecken kann.)
Aber sie war überhaupt nicht hier gewesen…
Menschen sind ungewollte Schatten, sie geistern über die Erde, die selbst nur vage Umrisse hat. Wenn ich hier in diesem Bett liegen bliebe, was würde dann in der Zwischenzeit mit der Welt geschehen? –, wenn ich mich nicht bewegte, keinen Wind erzeugte, wenn mich niemand sehen könnte, niemand vergessen müßte, wenn ich nicht dafür sorgte, daß jemand seine Umlaufbahn wegen mir ändern müßte (und sein Bezugssystem). Drückt man ein Kaninchen unter Wasser, erhebt sich das Volumen über sein eigenes Niveau, nimmt die Masse der Materie Kaninchen auf; und auch wenn es unbedeutend scheinen mag: wohin dehnt sich das Universum aus mit mir darin?
Als sie ging, zerriß die Zeit. Es hörte sich an, als würde ein Reißverschluß neben meinem Ohr entweder geöffnet oder geschlossen, und von diesem Zeitpunkt an war ich allein. Aber ich bin wieder eingeschlafen. Ich bin wieder eingeschlafen, und nur deshalb bin ich verwirrt. Natürlich war sie da, ich kann mich schließlich daran erinnern. Diesmal war sie da.
Ich betastete meinen Schwanz, zog die Vorhaut zurück, und rieb meine Eichel mit Daumen und Zeigefinger ab, bevor ich daran roch. Es waren die üblichen Bocksgerüche, diese odores hircini der Zersetzung von Samen- und Vaginalflüssigkeit, die ich schnupperte, und die ich dann am Laken abwischte.
Sie ist unsichtbar wie alle guten Dinge. Aber auch, wenn sie unsichtbar ist, heißt das noch lange nicht, daß sie keinen Körper besitzt. Hier ist sie unsichtbar, draußen ist sie irgendwo, niemand weiß, wo. Ich nicht, sie nicht, der Nachbar nicht.
Sie würde allerdings behaupten, sie wisse es genau. Sie würde sagen, sie befinde sich gerade an der Ecke Tournelle, oder, wie immer: Notre-Dame. Sie scheint von einer erstaunlichen Einbildungskraft beherrscht zu sein, wenn sie so schlendert, als habe sie kein Ziel, den Kopf bewegt, als beobachte sie die Menschen um sich herum, die Schaufenster, die Stimmen, das Fließen der Straße. Sie bildet sich ein, sie setzt einen Fuß vor den nächsten, bildet sich ein, von hier aus dem Zimmer gegangen zu sein, um eine bestimmte Stunde, die Tür geschlossen zu haben, auf die gleiche sanfte Weise wie sie das immer tut, irgendeinen Weg zu benutzen, den sie aus ihrer Erinnerung heraus kennt (weil sie ihn schon einmal gegangen ist), um dann, nach einer gewissen Zeitspanne, an ein Ziel zu gelangen, das sie ganz bewußt angesteuert habe. Ich sei hier, denkt sie, ich sei hier in diesem Zimmer und hinge den Gedanken nach.
Das Zimmer wirkt durch das oranginfarbene Licht wie eine Opiumhöhle. Ich mochte diesen abgestandenen Geruch der Jahrzehnte, der möglichen Jahrhunderte (das Haus sah aus, als wäre es in einem Zug aus der Erde gestampft worden, viele Stellen waren noch unverputzt). Außer dem wuchtigen, aber morschen Bett unter dem Fenster, das sehr kurz geraten war, gab es nur zwei Koffer, in die ich vor meiner Abreise alles ungeordnet geworfen hatte, sowie die abgetakelten, aber wertvollen, Behelfsmöbel, die allesamt nach Wurmscheiße rochen, Plattringelsaugfadenschnurparasiten. Ein Tisch mit Ornamenten an den Beinen, zwei Stühle, die nicht zum Arrangement zu gehören schienen, und die mehr wippten als daß sie standen, wenn man darauf saß, so wie ein muffiger Schrank, in dem verbogene Kleiderbügel aus Draht hingen.
Ein Schrank, nicht wahr? Darin ist die Energie, sie ist in Schachteln, Schränken, manchmal sogar in Töpfen eingesperrt. Und Energie ist Erinnerung! Oh, es wird wahrscheinlich nur der Teufel selbst wissen, warum sich Erinnerungen gerne vergraben – dort, wo es garantiert dunkel ist.
Es bewegt sich nichts, egal, wie oft ich zum Fenster gehe und nachsehe. Es ist wie in einer Geisterstadt, kein Lärm, kein Mensch, kein Fahrzeug; eine stille Stunde, eine verlassene Stunde. Ich sehe hinaus, ich sehe immer nur aus allem hinaus: meinem Körper, dem Fenster, hinaus. Meine Iden des März, die prophetischen Winde, die an der Tür klopfen. Kreiseln auf der Stelle jeder Stele, Ränkespielen der Isobaren, Taupunkt über den schweißgetränkten Laken zahlreicher Liebesnächte mit ihrer intimen Akrobatik, mit ihrem Kesselkrieg, der so manches Haar gekrümmt.
Du stehst in diesem Traumfunkeln, stehst da, bist nackt wie der Sonnenschein, mit deinen wunderschönen Mammas, deiner Scham, wo ich hingehöre, woraus ich komme, in die ich hinein muß, will ich jemals wieder komplett sein. An deinen Brüsten liegen, du nährst mich, deine Säfte sind meine Nahrung, sind mir Notwendigkeit zu leben, deine Lippen sind die Kissen meines Schlafes, deine Bewegungen sind die Architektur meines Universums, dein Körper spricht, nimm, sagt dein Körper, der gibt; und darin steckst du, das bis du, und ich nehme dich, und du umschließt mich, hast mich genommen. Ich erinnere mich daran, wie es früher war, ohne dich. Ich dachte stets, daß du der Rest meines Ganzen seist, obwohl ich dich noch nicht kannte. Für einen Mann gibt es nur eine Frau, wie es für ein Kind nur eine Mutter gibt. Und diese Frau bist du, du warst überall in den Frauen. Als ich dich noch nicht kannte, kannte ich dich in mir, suchte ich dich (zunächst) in mir, bevor ich losging, dich zu suchen, weil du noch nicht in mir zu finden warst, nur in der Erinnerung an eine Zukunft, dann, wenn du endlich vor mir stehst in diesem Traumfunkeln, und ich gehe hin und berühre dich, berühre deine Brüste, deine Scham, wo ich hingehöre, jetzt, wo wir komplett sind, ich nicht mehr hinaus will, auch wenn ich erschlaffe. Du kannst mich wieder herstellen und ich stehe wieder auf, alles in mir steht zu dir, in dir, dein Schweiß ist mein Regen, der bereits gefallen ist, der die Erde bewässert, auf der ich liege, du, die Erde, ich, eingegraben in der Erde, die sich warm um mich schließt.
Ich gehe noch einmal zum Fenster, die Scheiben voller Patina aus Nikotin und Atemluft. Eine Art Stadtteil auf der anderen Seite des Glases, verschmierte Brille des Hauses, eine Art Gasse, Straße, eine Art Zivilisation ohne Mensch und Tier.
Außer ihr habe ich heute noch keinen Menschen gesehen. Ich konnte noch niemanden mit meinen Blicken berühren, niemanden ins Gedärm fahren, um die unterschiedlichsten Mahlzeiten zu durchstöbern, den Rücken abzufahren, das Stammhirn anzugreifen. Aber sie ging, sie benahm sich wie jemand, der geht, und die Tür schließt, behutsam, auf ihre Weise, so als wolle sie mich nicht wecken aus einem Traum, den ich mit offenen Augen träume, wenn ich ihr nachstarre, warte, daß sie geht (denn sie geht, sie will gehen; sie sagt, daß sie muß, aber in Wahrheit will sie es). Das Zimmer verändert sich. Immer wenn ich zur Tür sehe, schließt sie sich, öffnet sich, schließt sich; beim neunten Mal kein Geräusch, beim achtzehnten Mal nur noch eine unsichtbare Hand, nur noch ein Gesicht oberhalb des Kleides, nur noch Augen, Perlen, Punkte.
Dann: zwei Türen; eine aus Horn und eine aus Elfenbein. Durch welche bist du gekommen? Durch die elfenbeinerne kommen die falschen Träume, durch die Tür aus Horn die wahren und prophetischen. Ein Traum in einem Zimmer, mehr warst du nicht, mehr bist du auch jetzt nicht. Wenn man keine Worte mehr hat, erzählt man eine Geschichte. Das Prinzip der Poesie: wenn man keine Worte mehr hat.


Zweites Tableau

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