XXIII. Ich bin jünger, du bist älter
Er hat mir die Nylonschnur um den Hals gelegt, und dann hat er zugezogen, und ich wußte nicht, was es war, das da so stach, so etwas dünnes kannte ich nicht, und ich bekam meine Hände nicht unter das Stechen am Hals, berührte seine Hände, und ich wußte nicht, ob er es wirklich so wollte, oder ob es ihm nur um den Schrecken ging, den er so liebte. Er war viel größer als ich und immer so abwesend und lernte das Schreiben mit Wachsstiften auf dem Küchentisch und sagte, er müsse Dichter werden. Dann ließ er plötzlich locker und um meinen Hals ringsherum war ein dünnes feuerrotes Band zu sehen und ich heulte nicht, heulte zum ersten Mal nicht, weil es doch einen Grund dafür geben mußte.
Und der Grund dafür bist Du, sagte er, der Grund bist immer nur Du selbst, bin immer ich, bist immer Du; wir haben nichts gemeinsam, Du bist noch nicht einmal so alt wie ich und Du wirst es niemals werden, weil ich immer älter sein werde, unaufhaltsam.
Aber das macht doch nichts, sagte ich, ich will ja jünger sein.
Da sagst Du etwas Entscheidendes, damals, da sagtest Du etwas Entscheidendes, Du sagtest: ich will ja jünger sein.
Die Fichten und Tannen riechen wie Badewasser, wenn sich darin Brausetabletten auflösen. Alles besteht nur aus Perlen, alles besteht nur aus Fichten und Tannen und dem Wolf in dieser steinernen Welt, die wie ein Traum ist, der wie ein Wegweiser dort sitzt.
„Kannst du diesen Wolf dort sehen? Komm her. Da, wo mein Finger ist, da hinter der Wiese. Schüttel nicht den Kopf, wenn du ihn sehen kannst.“
„Aber ich sehe niemanden.“
„Er ist nicht jemand, er ist der Wolf.“
„Nein.“
„Du siehst ihn ganz sicher nicht?“
„Nein, ganz sicher sehe ich ihn nicht. Vielleicht ist er ja wieder verschwunden.“
Dann sehe ich Dich an und sage, er verschwindet nie, denn er ist aus Erz, und Du fragst mich, was Erz sei.
„Dieses Wort habe ich gelesen. Ich habe es gelesen und ich werde es nie wieder vergessen. Ich benutze es für das Wort Stein. Benutze Du es bitte nun auch für das Wort Stein.
„Erz“, probierst Du Deine Lippen um dieses abstrakte Wort zu stülpen.“
„Erz. gefällt dir das Wort?“
Und Du sagst ja, weil Du weißt, daß ich das hören will. Ich bin älter, Du bist jünger; ich sehe den Wolf, Du siehst ihn nicht. Er ist aus Erz, aber das stimmt nicht, in Wirklichkeit ist dieser Wolf eine Halluzination, so wie die Welt, die ganze Welt.
Vielleicht siehst Du die Dinge, die ich nicht sehe, ein unterirdisches Reich: Agartha. Wußtest Du, daß wir alles verlieren? Ich ahnte es zumindest, und ich sage Dir hier und jetzt: Ahnen ist das bessere Wissen. Wir können uns jetzt hier hin setzen und von diesem Punkt unserer Wahl aus den Lauf der Welt betrachten, wir müssen nur die Formen der Wolken deuten, Wolken konjugieren – alle Sprachen tun das. Wenn wir notwendigerweise eine neue Sprache benötigen, nehmen wir die Wolken, die des Traumes, nehmen wir all diese wunderlichen Zufälle an, die in Sätzen zu uns sprechen und Poesie meinen. Ich müßte schreiben wie die Wolken kumulieren. Die Metapher könnte lauten: eine himmlische Sprache, das liegt nahe, ich weiß, aber das will ich damit nicht ausdrücken. Wenn wir über den Wolken lebten, wären sie der Grund, auf den wir niederblickten. Schichten, eine Sprache in Schichten, getragen von einem Yaxché-Baum, Pfirsich- und Maulbeerbäume als Eckpfeiler der Welt. Ich sage Erz für Stein, das stimmt natürlich nicht ganz, aber ich sage es, ich sage es und weiß, daß in jedem Stein Erz enthalten ist und in jedem Erz Metall, und ich weiß es, weil ich es gelesen habe. Ich kann nur hoffen, daß sich der Verfasser nicht irrte, sonst irre auch ich mich. Ist diese Abhängigkeit nicht ein Gedicht? Wir wissen nur, was andere wissen, was andere wußten.
Das würdest Du mir sagen, wenn Du älter wärst als ich. Das würdest Du einwenden. Aber ich bin der Ältere, und ich weiß etwas, das nur ich weiß: Ich weiß den Wolf.
Warum gehst Du nicht hin zum Steintier, wenn es Dir so viel bedeutet? Warum fragst Du nicht, was es will?
Weil es, das ist ganz einfach, sich dann als Baumstrunk erweisen würde, als eine Anhäufung von Naturabsonderungen, weil es nur in meinem Kopf der Wolf ist.
Aber dann würde auch ich ihn gesehen haben, als Du auf ihn zeigtest, zumindest hätte ich etwas sehen müssen, ich habe aber nichts gesehen, ich sah nur das, was ich immer sehe, wenn ich aus dem Fenster blicke. Ich sehe dann Halme, Wiesen, Bäume, sehe den Schotter und Schupfen und Scheunen, nicht einmal die Weiher sehe ich von hier aus. Aber ich bin jünger, Du bist älter. Vielleicht siehst Du immer etwas anderes, vielleicht siehst Du jene Dinge, die nicht da sind, und deshalb liest Du und deshalb schreibst Du.