XXIV. Den Mund zu halten während man spricht

Was hat es mit diesen Jahren auf sich, die vergehen? Ich bin zu jung, ich bin zu alt. Es scheint mir, als gelänge es nie, die richtige Zeit zu besitzen. In dem Moment, wo ich nach ihr frage, kommt die Antwort schon zu spät. Ich weiß immer nur, wie spät es war und nie, wie spät es ist.
Wenn man zu niemandem gehört, sich nur selbst eigen ist, ist die Freiheit, die ohne Bezugssystem ist, unerträglich. Ich genüge mir nicht, und die Zeit genügt mir ebenfalls nicht. Die eigene Zeit ist nur abzuwägen, nicht zu messen. Wie viel Zeit vergeht wirklich während eines Tages? Die vielen Uhren, wie auch der Sonnenstand, irritieren uns, denn Zeit ist nur erlebbar, messen wir sie im Erleben!
An diesem Tag muß ich wieder mit Helmut und Roland in den Wald. Sie wollen mich nackt sehen, aber sie rühren mich nicht an. Helmut, der voller Ekel für die weibliche Anatomie ist, seitdem er mit ansehen mußte, wie seine Schwestern bluteten. Roland, der diesen Ekel unterstützt und ihm Äste in den Anus stopft. Es ist das zieh-dich-aus-Spiel, man spielt es in den Dörfern, bevor der Alkohol kommt. Es hat nichts zu bedeuten, es ist wie bei Welpen, die sich das Arschloch beschnüffeln und belecken. Sie wollen sehen, was es damit auf sich hat, was diese Nacktheit bedeuten könnte, es ist eine grenzenlose anale Phase, in der man Scheiße frißt und fasziniert ist von Körperöffnungen, die nicht bluten. Man will wissen wohin sie führen, man findet das Geheimnis in Schleim und Morast. Das Leben kommt hinten raus und vorne rein. Wenn man den Rotz auf die Straße spuckt, ist die Biologie begründet, man lebt isoliert und sieht dennoch, daß es andere Lebensformen gibt, die zur Wasseroberfläche streben, weil dort das Licht erstrahlt. Aber es gibt auch jene, die bleiben auf dem Meeresgrund in tonnenschwerer Dunkelheit.
Ich lockte die Frauen in den düsteren Winkel und gab ihnen eine Murmel, nicht größer als eine Kaugummikugel, die sie schlucken mußten, bevor sie in die Tiefen des Erdreichs mitgenommen werden konnten. Jeden Tag war es eine andere, die mit mir das Lager teilte. Die Murmel enthielt Beruhigungsmittel, ich polyperverses Monster. Ich beginne mich an meiner Bettdecke zu reiben, ich spreche mir ihr, die Bettdecke ist Fleisch, das Reiben ist Charlie Parkers Jazz, der im Wahn endet, ein König von unter der Erde zu sein.
„Fürchtest du dich?“
Die Bettdecke antwortet durch Gesten, und ich reize mich, bis sie endlich zu einem Körper wird, der auch ich bin, der aber seine Andersartigkeit durch das, was ich da in den Armen halte, beweist. Ich ändere die Stimme, wenn sie spricht. Es ist immer die gleiche Decke, es ist immer eine andere Frau. Ich besitze riesige Hallen unter der Erde, hermetisch verriegelt, um die Lust zu erforschen, von den Farben, den Geräuschen angefangen, ich muß jede Frau haben, die Zeit wird knapp und ich gehe noch nicht einmal zur Schule.
Am Abend spürt man die Tiere auf, die sich mit ihrer Tollwut herumquälen. Im Wald hängt Damenunterwäsche auf den Fingern der Sträucher. Niemand nimmt sie fort, so hängt sie dort eine Woche mal eine Woche. Alles stinkt nach Gift und großer Leere, der Steinbruch ist nicht weit, Stille innerhalb einer Vakuumglocke, Wind darüber, Vögel darüber, Sterne am Nachmittag. Alles was geschieht, geschieht unaufhörlich und wiederholt sich bis in alle Ewigkeit, bis sich der Trichter schließen wird in seinem kleinsten Quark, dem modernen Gespenst. Was hätte ich alles entdecken können hinter dem Staunen?
Wendler sitzt mit einer Sonnenbrille über seinen geschwollenen Augen hinter dem Maschendrahtzaun in einer Sonnenliege und trinkt Bier aus einem Aluminiumfaß wie aus einer Wasserpfeife mit einem langen Schlauch. Seine Frau scheuert das Blut von den Wänden, sie grüßt nicht mehr. Die Wand verschwindet unter rosa Schaum.
„Das ist alles vom Wendler. Seit der Wolf hier ist, verändert sich die Welt.“
Es ist Dir klamm zu Mute.
„Der Wolf sitzt nicht mehr dort.“ Ich flüstere. Die Wirkung eines geflüsterten Satzes ist großartig, er wird schwer und drückend. Die Nacht geistert um die Ecken, bereits am Tag. Nie sah ich die Arbeiter der Plastikfabrik kommen, nie gehen. Ich hörte nur die stampfenden Geräusche, das Sägen der Nerven, das elektrische Vibrieren hinter den Kathedralenfenstern.
Wo ist der Wolf jetzt, frage ich Dich und Du tust geheimnisvoll. Ich möchte gerne daran glauben, daß Du Dir das alles ausdenkst.
Er ist unter uns, sage ich.
Er ist unter uns, sagst Du.
Ich werde dorthin gehen, wo er saß, und dann wird er es sein, der mich beobachtet.
Ich will nicht mit dorthin, sagst Du.
Ich wünschte, ich könnte die Angst mit Dir tauschen. Ich will dort ebensowenig hin wie Du, aber ich werde gehen.
„Und wenn der Wolf dich frißt?“
„Er ist aus Erz, vergiß das nicht. Der kann mich nicht fressen.“
„Aber was will er denn dann?“
Das muß ich herausfinden. Der Geist, wenn er noch nicht lange an einen Körper gebunden ist, besitzt keine Schwere. Er kann sich leichter lösen. Später wird er von den Gewichten der Pflicht und der Angepaßtheit beschwert, seine Flügel werden ihm qualvoll abgetrennt, so daß er bodenständig wird wie ein Huhn in einer Legebatterie. Die Welt wird ihm erklärt und er muß all den Mummenschanz glauben oder er wird bitterlich bestraft.
Das Prinzip, den Mund zu halten während man spricht. Dunkelheit steckt immer nur hinter dem Fenster, sie ist draußen besser aufgehoben als drinnen. Woran das wohl liegt? Das elektrische Licht begutachtet uns, während wir hier sitzen, fleißig eingerichtet, adrett. Selbstverständlich werden Fotos gemacht: von der Tafel, bereichert mit Rosenthal-Majestic, dem guten Besteck, den ordinären Bechern des Bier-Nachmittags, den Gläsern, von den Personen, die dieses Inventar benutzen, in naher Zukunft, dann, wenn die Köchin den Braten anschleppt, der zur fränkischen Bombastkulinarität gehört. Sie trägt dicke Handschuhe, um sich nicht zu verbrennen. Das haben Hitze und Kälte gemeinsam: sie verletzten die zarte Haut.
War es denn schon damals unheimlich?
Die Antwort ist: Ja. Ja, es war sehr unheimlich.
Wir haben Bilder zu entwerfen, denn wir selbst sind nur das Abbild einer abstrakten Idee. Das Nichtvorhandensein eines Ursprungs ist es, was uns ins Monströse treibt, und es kann sich niemand damit trösten, daß er aus einem Uterus schlüpfte, an den er sich nicht erinnert, an einer Brust trank, deren Form er nicht mehr zu beschreiben weiß. Es scheint, als wolle der Mann unentwegt wieder in die Vulva zurückkriechen, den Prozeß umkehren. Das junge Ding erblüht wie eine Rose, und dann, im Laufe der Zeit wird es immer mehr zur eigenen Mutter, die man nicht mehr aufspießen möchte, von der man nur noch gestreichelt werden will, aufgenommen in die Arme ihrer gebärenden Kraft.
Wo kommen die Gedanken her? Wie können sie jemals in uns selbst den Ursprung tragen?
Während ich hier sitze, auf diesem Stuhl, und auf die Köchin warte (oder warte ich auf den Braten?): dächte ich auf einem anderen Stuhl etwas anderes? Dächte jene Gedanken, die dort unweigerlich auf mich warten wie Radiowellen?
Ich beobachte sie, wie sie es vermeiden, in der Nase zu bohren oder sich am Arsch zu kratzen; und nachher, beim Klirren der Teller, werden sie sich Mühe geben, nichts von der Gabel fallen zu lassen, zurück in die Sauce, die dann gar auf ihre Kleider spritzen könnte, auf die festliche Tischdecke, die doch mehr wie ein Leichentuch aussieht, mit Speiseresten am Saum. Die Gemeinschaft ist eingepfercht. Sie alle unterscheiden sich von Affen nur dadurch, daß sie sich das Haar nicht nach Läusen absuchen. Der Mensch ist dressiert, man getraut sich kaum zu kauen, möchte den Batzen Fleisch am Stück hinunterwürgen.
Hinter meinem Rücken donnert der Ölofen und beheizt hundert Quadratmeter Raum, natürlich nicht allein. Er wird von glühenden Backen, heißem Kaffee und heuchelnden Worten unterstützt. Man trifft sich, um der Einsamkeit zu entgehen, man trifft sich, weil man sich nicht zu sagen getraut: Ich komme nicht, denn Ihr kotzt mich alle an!
Alle, die hier sitzen sind das Produkt einer in der Zeit gestaffelten Fickerei. Du sitzt neben mir, und heute Nachmittag habe ich noch versucht, Dich mit einer Nylonschnur zu erwürgen. Ich wollte sehen, was geschieht, so wie Helmut sehen will, was geschieht, wenn Roland ihm Äste in den Hintern steckt. Ich glaube nicht an das Leben, ich glaube nicht an den Tod, ich glaube nicht an die Personen, die sich heute hier treffen, Sekt und Bier trinken, und diese beschissenen Kriege überlebt haben. Also frage ich Adolf (ich glaube, wir haben sonst nie miteinander gesprochen, alte Männer sind unheimlich), warum er gleich alle beiden überlebt habe, und bekomme eine gelangt. Von da an glaubte ich auch nicht mehr an den Krieg, für mich gab es keine Verluste zu beklagen – Wilhelmist, Schwarze Sonne, es war mir einerlei -, und ich glaubte auch nicht an den Braten, den ich kaum mehr kauen konnte. Mein Solipsismus war dahin, denn das hatte ich mir nicht ausgedacht.
Schalten wir den Ton ein: ein derbes Gelächter, nicht wahr? Ich versuche mir vorzustellen, daß Zahnprothesen einen anderen Ton beim Beißen ins Fleisch verursachen als die noch verbliebenen Zähne. Ich kann den Unterschied nicht hören, ich bin taub. Also lutsche ich meinen Anteil des rosinierten Gebratenen und nehme nur noch das Suckeln meiner inneren Backen wahr. Ich höre von innen, ich höre den Wolf.
Er ist nicht zurückgekehrt, er bleibt woanders.


Drittes Tableau

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