XXV. Sambeztac
Am nächsten Tag bleibt ein Pfeil in Luckies Wade stecken, er ist so alt wie Du selbst. Bist Du davon gerannt, weil Du sein Geschrei nicht ertragen konntest, oder weil Du dachtest, Helmut würde als nächstes auf Dich zielen? Die erste Schußwunde unseres Lebens, nicht wirklich schlimm, nur eben die erste.
Der Wolf ist verschwunden, ich habe es Dir gesagt. Ich sehe Dir an, daß Du in diesem Moment dasselbe denkst. Sambeztac – sprechen wir es ruhig so aus, den Ahnen wegen – Samstag (Erde), Sonntag (Sonne), Mondtag (Mond und somit Jagd). Samstage unterscheiden sich von Sommerabendfesten. Im Sommer wünscht man sich Feste von unbestechlicher Qualität. Ein Feuer wurde entfacht neben einer Hütte, die zur Gänze mit Kronkorken vollgenagelt war. Obenauf die Heckse auf einem Gartenstuhl, ein Feuer für den Witchfinder Hopkins samt Peinlicher Befragung. Die mißbrauchten Mädchen sitzen auf einer Bierbank und blicken wirr in die Abenddämmerung. Sie haben die Welt nicht ernst genommen, als sie herkamen, dachten, sie könnten mit Puppen spielen anstatt mit stinkenden Schwänzen, wurden eines besseren belehrt, dachten, sie könnten heranwachsen und heiraten, ihre Anatomie auskosten anstatt sich ihrer auf den Tod zu schämen. Wendler sitzt abseits und es kann nicht mehr allzulange dauern, bis Roland etwas anderes tun wird als mit Ästen zu spielen. Er wird seinem Vater mit einem Hammer den Schädel einschlagen, doch ich muß vorher noch zu dieser Stelle, um nachzusehen, ob das Gras niedergedrückt ist. Schinner ist vom Feuer hypnotisiert, die Mädchen sagen Ja und Danke. Sie mögen keine Mayonnaise zum Salat und sie mögen weder Sahne noch mögen sie Eis lecken, nichts, das sie an den verspritzen Schleim erinnern könnte. Sie besehen sich ihre geröteten Knie. Helmut sitzt neben ihnen, obwohl er sie haßt. Du siehst, Luckie trägt einen Verband, auf dem Fliegen sitzen, und starrt ins Feuer, die Stimmen sind Nahrung für den Wolf aus Erz, der nun wieder flüssig ist, der vielleicht ganz unten im Badeweiher sitzt und auf einen Schwimmer wartet. Wo sollte er sonst warten?
Mußtest Du nicht die Stoffigur ansehen, wie sie auf den Flammen tanzte? Im Feuer selbst loderten die Umrisse von Stuhlbeinen, Brettern und Schranktüren; und dann der Schinner, wie er im Haus verschwand und mit einem Messersortiment wieder herauskam, um den Alten zu erstechen, der ihn einen Kinderficker nannte. Der Wendler nahm die Sonnebrille ab, um es zu sehen, doch der Alte stand lässig und rief etwas und der Schinner ließ alle Messer plötzlich fallen, wie durch einen großen Schrecken. Die Stoffpuppe rutsche herunter und glühte neben dem Herd, die Katzen flüchteten, als wäre etwas hinter ihnen her. Es war so etwas wie das letzte Fest, das wir jemals vor dem Haus hatten. Als ich den Platz des Wolfes aufsuchte, schien die Sonne und das Gras war niedergedrückt und gelb.
Dunkle Räume, große dunkle Räume, rot angestrichen – mächtige Türarsenale, die in ein spärlich beleuchtetes Zimmer führten, in dem braune Kissen herumlagen und eine Lagerstatt begrenzten. Dort saß der Wolf unter einem Lampion und las ein Buch. Seine Stimme ein Rasseln.
Ich fahre mit der Hand über einzelne Halme und sie brechen unter meiner Berührung, bald schon Stroh, saftlos und knisternd. Helmut ertrinkt an diesem Tag im Badeweiher, ich sehe beide über die üppige Wiese kommen – Roland kann ihm nicht helfen. Versteckt bin ich unsichtbar – und: siehst Du, Du mußt mich nicht einmal begleiten. Ich glaube, wenn Du mitgekommen wärst, dann hätten sie uns gesehen, Deine Unruhe sieht man weit, Dein permanentes Zappeln; und vielleicht war es das, was mich an jenem Tag störte, so daß ich eine Schnur um Deinen Hals legte. Ich wollte für immer der Ältere sein, ich konnte es mir nicht leisten, daß Du eines Tages an mich heranwächst.
Der Wolf liest das erste Kapitel der Mitte der Unendlichkeit und ich kann es nicht hören. Die beiden Jungs gehen zum Weiher und ich folge ihnen, angeschmiegt, von Felsen zu Felsen, weil es da steht, schwarz auf weiß.
Und rutschte so unglücklich auf den herumliegenden Fischhäuten aus, daß er das Gleichgewicht verlor und mit dem Kopf auf einen felsigen Grund aufschlug, bevor er ins Wasser glitt.
Besser: er erschrak heftig, als diese Gestalt auf allen Vieren aus dem Wald sprang. Schon wollten Roland und Helmut aufatmen, als sie mich erkannten, doch es gab keinen Atem mehr, nur noch Bestürzung, denn ich war nicht ich. Was ruft ihr meinen Namen, ihr Menschen?!- kennt ihr mich?- könnt ihr euch auch nur in euren kühnsten Träumen vorstellen, wer ich bin und wer ich sein werde? Nackt wollt ihr mich sehen, ihr Schweine ohne Rang, und ich zeige euch eine Nacktheit, die tödlich ist! Aber Roland, Du solltest mich nicht verpetzen, nur weil diese Sau ersoffen ist. Du wirst andere Freunde finden.
Er versucht etwas zu schreien, während Helmut seinen toten Körper mit dem Gesicht nach unten treiben läßt. Die Uhr steht auf Null.
„Ich werde diese Fische essen, die dieses Blut in ihren Wanst schlürfen. Es wird ihnen die Kiemen verkleben, was denkst du?“
Du warst dort und hast nachgesehen, ob das Gras niedergedrückt ist. Roland kam wie von Furien gehetzt aus dieser Richtung gelaufen, die Du mir vor einigen Tagen zeigtest. Ich sehe die Menschen bluten und rennen und rufen: Du warst es! (das ist nicht dasselbe wie Du bist es!).
Ich war es, aber das kann man nicht so einfach behaupten, ohne sich der ganzen Tragweite bewußt zu sein. Wer sind wir denn, daß wir irgendetwas waren? Manchmal glaube ich, ich lebe in einem Gespensterviertel, überall von Basalt, Granit, Ton, Torf, Speckstein und Erz umgeben, so daß selbst schon die Wölfe daraus gefertigt sind.