XXX. Chtonische Welten

Sie kamen hinter ihm her, folgten ihm durch alle Gassen, durchbrachen die Nacht, hetzten seiner Angst entgegen und spielten das Spiel der Verfolgung auf ihre sublime Art. Nach einem jahrtausendelangen Schlaf zuckten ihre Gedanken in alle Winkel des menschlichen Empfindens und absorbierten, was sich dort finden ließ im Zustand der Raserei halbverhungerter Gier.
Ich habe geöffnet, geöffnet das Auge, den Geist, die fremde Substanz, geöffnet verbotene Truhen voller antiker Geheimnisse, voller gefährlicher Wahrheiten, voller sich widerstreitender Wahrheiten! Und ob ich um mein Leben renne oder nicht, spielt keine Rolle mehr, weil es mein Leben nicht mehr gibt. Wann habe ich es bemerkt? Mein Gott, wann genau ist das geschehen?
Genügt der Irrsinn eines träumenden Gottes, das Chaos zu entfachen, dem wir die höchste Bedeutung, nämlich die Existenz aller möglichen Welten verdanken? Ist etwas aus seinem unartikulierbaren Wahnsinn durch sein eigenes Netz entschlüpft, das nun wütet und Kosmen erschafft in einem Reigen des Zellzerfalls?
Geister waberten aus den Gullydeckeln, Gespinste seiner überreizten Nerven; wie schwarze, überreife Schläuche lagen die Gassen unter seinen knallenden, unregelmäßigen Schritten. Das große Unaussprechliche wuchs, gehüllt in den Mantel der Nacht aus hallenden, kichernden, geckernden Echos, zu einem großen Dröhnen in seinem Kopf heran. An den Häuserwänden konnte er die Bewegungen erkennen, ein treibender Nebelschleier, formlos auf und ab wogend. Seine Schreie wurden ins Nichts gerissen.
Das, was wir Universum nennen, ist ein teuflischer Part unseres Verstandes, der sich mit diesem Gedanken etwas zu schaffen wußte, an dessen Lösung er schließlich zerbrechen muß. Das, was wir in Begriffe kleiden, damit es uns näher erscheint, verschwimmt hinter der Maske, die wir ihm überstreifen, und mutiert, seinen chaotischen Gesetzen folgend, zu etwas heran, das kein Mensch jemals, so sehr er es auch versuchen sollte, begreifen kann.
Rodriguez entkam dem Reich der Vernichtung, den Katakomben, in denen ein chtonischer Gott des Chaos herrscht. Er erinnerte sich an zertrümmerte Gänge und geborstene Treppenschächte, an Säulenhallen, höher als die höchsten Türme. Flure war er entlang gerannt, die sich unter den Hammerschlägen der Götter in Agonie gewunden hatten, verdrehte Hallen, an deren Wänden schreckliche, verbrannte Dinge hingen, ein steinerner Himmel, von dem selbst jetzt noch Tod und Hitze regnen, Brücken, die sich in aberwitzigen Bögen über bodenlose Abgründe oder brennende Feuerseen spannten, eine Welt tief unter der Erde, in die noch nie ein Sonnenstrahl gedrungen war, und die dennoch von einem tödlichen Licht erhellt wurde.
Er befand sich tief in der Schlucht, die bis ins Herz der Erde hinab führte, seine Seele war Angst. Er erinnerte sich an einen Spruch, zu müde, sich an den zu erinnern, der diese Worte einst gebraucht hatte: Ein totes Land kann man nur mit einer Armee von Toten erobern.
Aber wer wird diese Armee der Toten stellen? Niemals, niemals, niemals wird man diese Tore wiederfinden! Nichts als brodelnde Finsternis, ein eiskalter Hauch der Tiefe, aus der Geisterhände empor griffen, die Lebenden hinabzuziehen. Der Nebel war ein schwarzes Weben auf dem noch schwärzeren Untergrund, bizarre Formen und Gestalten bildeten Gesichter und Fratzen aller Menschen, die jemals verrückt wurden, aller Menschen, die sich jemals auf die Suche gemacht hatten, das Mysterium des Lebens zu enthüllen. Und dann war da Gelächter hinter den Schächten. Ein Gelächter wie aus einem Brunnen, in dem der Unmut schwamm. Und vor den Schächten ein Fenster, hinter dem noch Licht brannte.


Viertes Tableau

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