XXXII. Träumer, Spieler, Psychopathen
Er legte seinen Hausschlüssel auf den Tisch. Für den Fall, daß etwas Unvorhergesehenes geschieht. Du wirst wissen, was du in meiner Wohnung zu suchen hast. Ich hoffe zumindest, daß du es weißt.
- Warum sagst du es nicht einfach?
- Das kann ich nicht. So lange ich lebe, darf niemand erfahren, was ich getan habe.
Rodriguez hatte seinen Auftritt unter erhöhter Spannung gehabt, die Einzelheiten seiner Rede waren jedoch fahrig, abgehackt – und ich erinnerte mich wieder an das Summen, an den Wolf, an das Gesicht. Es gab keine Erklärung für diese Assoziationskette, außer einer: Unstimmigkeiten in jedem einzelnen Detail. Man blickt nicht durch Zeiten, man zählt seine eigenen Schritte nicht. Es scheint bedenklich normal, ein Abbild zu vergöttern, nun sprich, du kümmerliche Puppe, schenk ich dir nicht all die Aufmerksamkeit, die du benötigst, damit ich sehe, wie du dich eines Tages erhebst und, wenn schon, auch nur ein einziges Wort von dir gibst? Ich und du, vom Wahn genährt.
Vom Mann, der eine Windel liebt, weil er sie als Säugling um seine Lenden trug (aus der Erzählung Rodriguez‘ und dem Bezug zu seiner Kindheit) nicht weit entfernt ist jener, der sich in eine Wolke vergafft. In den meisten Fällen vergeht der Anfall einer Phantomliebe von selbst, vor allem dann, wenn die eigene biochemische Struktur erst einmal durchschaut ist. Man darf (und muß) Angst, Zweifel, Tränen, Grauen und Ekstasen in gleichem Maße haben wie edle Gedanken (die einem naiven Realismus entspringen); Träumer, Spieler, Psychopathen werden in das Weltbild eingeflochten – aber man darf nicht entzaubern. Von einem biochemischen Romantiker hat die Welt noch nie gehört-
Oh ICH, armes Ich, oh leidendes Ich, oh liebendes, verlassenes gar… oh verficktes (weil notwendig verficktes) Ich. Für immer und alle Zeiten (zumindest aber für die nächsten zwei Jahre, und natürlich solange mir nichts Besseres über den Weg läuft, will ich dich lieben.
Nun hatte auch ich gewisse Orte betreten, die nicht für menschliche Anwesenheit bestimmt waren, Türen geöffnet, die niemals geöffnet hätten werden dürfen. Warum waren es dann überhaupt Türen und nicht blankes Mauergut, gegen das man sich den Kopf stößt? Der Knauf ist ein Knauf, damit man ihn aufknauft… dieser Zugang nicht? Für den zuckenden, behaarten Schleim? Denn wo braucht denn ein engelhaftes Geistchen so ein Tor mit Sperrangel und Scharnier…
Die Paranoia kommt, sagt, sie sei die Paranoia – das hat sie auch ganz richtig gesagt – und stellt sogleich ihr Spiel vor: verstecken. Plötzlich ist man nicht mehr paranoid, sondern man hat Paranoia, mindestens ein Pfund. Das will heißen: man sieht, daß man den Doppelgänger sieht oder sehen wird, weil die Wände hören, und es nur noch eine Frage der Zeit und der Technik ist, bis man alles wissen wird. Also verbirgt man am besten nicht nur seine Handlungen, sondern gleich sich selbst (und wer weiß, wer alles gesehen hat, daß Rodriguez durch mein Fenster krabbelte).
Swedenborg warnt vor dem einen Freund, dem man alles anzuvertrauen pflegt. Ein solcher Verkehr ist aus vielen Gründen gefährlich. Doch es ist nicht die Paranoia, der dafür sorgt, daß man am Ende den Verstand verliert, es ist irgend etwas da draußen, das herausgefunden hat, wer da so unbesonnen Türen aufreißt und (Myrrha, Myrrha!) ihren Namen ruft.