XXXVI. Früher war das ein Hotel d’amour
Ich steckte den Schürhaken in die Öffnung und bekam eine Erektion, die so rapide und schnell aufstand, als würde ich mich über den samtenen Leib einer erwartenden Frau beugen, die ausgespreizt ihrerseits auf eine Öffnung wartete. Die Überraschung ließ mich einen Schritt zurücktreten. Vor Geilheit keuchend blickte ich auf den Schlüssel, der im Loch steckte.
Früher war das ein Hotel d’amour…
Auf dem Flur befand sich ein Fenster mit Butzenscheiben, doch ließ es sich nicht öffnen. Ich hätte jetzt gern etwas Sauerstoff unter meinen Organismus gemischt. Rechts befand sich eine Treppe in den nächsten Stock, links verschwanden die Stufen ins Erdgeschoß, dahinter lagen die Zimmer 14 und 13 (wobei es sich bei Zimmer 13 um eine Attrappe handelte, es gab eine Tür, die aussah wie alle anderen Türen, aber dahinter befand sich lediglich die nackte Wand), bevor sich der weite Weg in einen rechtwinkligen Knick nach rechts hin verabschiedete. Wie in einem Turm, nicht breit aber hoch.
Die Erregung ließ so schnell nach wie sie gekommen war, und ich probierte mich vorsichtig, in Erwartung eines neuerlichen Lustschubs, noch einmal an der Tür. Diesmal schnappte sie auf und schwebte wie von selbst nach innen, kaum daß ich die Drehung im Schlüsselloch vollendet hatte. Ich blieb eine Weile stehen und blickte hinein. Natürlich war das Zimmer nicht auf dem neuesten Stand, das hatte ich auch kaum erwartet, aber es war längst nicht so schäbig, wie ich es mir wirklich vorgestellt hatte. Es roch nach uraltem Holz an nassem Stein. Als ich hineingegangen war und die schwere Tagesdecke wegzog, kam ein gestärktes, aber gilbes Bettzeug zum Vorschein. Es war etwas feucht und verströmte denselben modrigen Geruch, der den Raum dominierte. Weil er darauf zu warten schien, hier herauszukommen, öffnete ich das beinahe blinde Fenster über dem Bett, dessen Scheibe mit Schlieren und Einschlüssen in Bleistegen gefaßt war.
Hast du dir schon einmal überlegt, wie es wäre, wenn nichts mehr einen Sinn ergäbe, wenn all das, was du dir denkst, und das, was du fühlst – ja, sogar das, woran du dich zu erinnern glaubst, einfach nicht existierte, nicht wahr wäre?
Diese Welt teilen sich noch andere Wesen mit uns; unsichtbare Dinge, vielleicht sogar fürchterliche Dinge. Unsere Technik hat sie nicht verschwinden lassen, aber uns dafür blind gemacht. Ich glaube, jetzt sind wir ihnen ausgeliefert, und all jene, die uns hätten etwas darüber sagen können, haben wir ausgerottet. Woher kommt es, daß alles, was wir zu wissen glauben, falsch ist?
Von der Erinnerung, die nicht stimmt. Nichts ist je geschehen – erinnere dich an meine Worte, es ist nie auch nur irgendetwas geschehen. Du liegst in einem Blumenmeer und träumst dein Leben.
Das glaube ich nicht.
Oh, du wirst es glauben. Ich verspreche es dir.