XXXVII. Die Kalenderscheibe

Ich saß sehr in Unruhe, legte das Moleskine auf den Tisch und fingerte an den Seiten herum, um ein Geräusch zu verursachen. Diese zerfließende Stille gefiel mir nicht. Kein Ticken einer Uhr, auch kein Knarzen einer Diele. Ich dachte kurz an Erich Zann, von dem ich außer Möbelrücken (und dem entsetzlichen Alt-Männer-Schlurfen) nichts mehr zu hören bekam. Wer mochte er sein?
Der einzige Gast. Das sind Sie auch. Aber nicht der einzige Bewohner.
Ich verspürte eine gute Lust, mich in das unappetitliche Bett zu legen, um mit dem Träumen zu beginnen, aber ebenfalls wollte ich mir das Moleskine endlich in Ruhe ansehen. Seit ich Isny in Richtung Straßburg verlassen hatte, war ich noch nicht dazu gekommen. Man könnte sagen: der Weg war holprig, und ob ich es nun wollte oder nicht, ich befand mich auf demselben Pfad, den vor mir Rodriguez eingeschlagen hatte. Ich besaß andere Gründe, versuchte ich mir einzureden. Doch hier saß ich, in der Rue d’Auteil, in dieser Stadt, deren Namen ich nicht kannte. Rodriguez hatte ihn nicht notiert, er kannte ihn nicht – sollte er nun wirklich (was ja noch gar nicht geklärt war) der Verfasser des Notizbuches sein. Die meisten Dinge die darin standen waren fahrig. Ich fand kurze Einträge, ich schlage blind eine Seite auf… hier: Das Babylonische Paradies – Aralu – im westlichen Ozean, das ägyptische Seelenreich – Amenti -, liegt weit im Westen in der Mitte des Ozeans. Die Kelten behaupten, nach einer furchtbaren Naturkatastrophe, die ihre Heimat vernichtete, aus der Mitte des westlichen Ozeans zu kommen. Die Stämme Nordafrikas sprechen von einem westlichen Kontinent und Stämmen, die sich Atlantoi nannten. Auf den kanarischen Inseln gibt es eine Reihe uralter Höhlen, die Atalaya heißen. Die Araber glauben, daß ein Volk Ad vor der großen Flut lebte. Die Azteken kommen aus Aztlan, wobei atl „alle Wasser“ bedeutet. Das Wort hat in Nordafrika dieselbe Bedeutung.
Oder hier… nun schon beunruhigender: Immer dort, wo es zu irgendeiner gewaltigen Störung gekommen ist, wo Schrecken, Schmerz, Leid, Haß oder irgendeine Art intensiven Gefühls von überwältigendem Ausmaß erfahren wurde, wird ein derart nachhaltiger Eindruck in das Astrallicht geprägt.
Aber auch einfache Sätze fanden sich neben albernen Zitaten aus Kinderbüchern: König Midas verwandelt alles in Gold, das er berührt.
Nichts davon wurde kommentiert. Das fand ich außerordentlich. Es gab auch kein Datum über den Einträgen. Ich hätte das Notizbuch vermutlich gar nicht an mich genommen (die ganze Bibliothek war von Merkwürdigkeiten übervoll gewesen), hätte ich nicht folgenden Satz auf der ersten Seite entdeckt (Das Buch war mir heruntergefallen, als ich einen der vielen Stapel umsortierte): Die Liebe hat in Babylon ihren Ursprung.
Auf der Rückseite befand sich ein Rätsel:

Diana (Mondin), flankiert die Kalenderscheibe
Dem Apollo, der Sonne also (winkst Du zu) rechts
Apollo in der linken einen Bogen
Apollo in der anderen einen Schild

Den tag so stracks gegen dem anderen
desz halb Jahr machet (Dein Zeigefinger eine Juxtapose)

Zu Füszen Dianas liegt ein Hund
Vom Rheinstrom saufend
Folgend geschrieben liegt ein Inkerb hineingejocht
Rot hingefaszt, schnitztrunken berandet
Tagezeiten marsch:

Auff gang
Mittag
Undergang
Mittnacht

Quadratzwickel um Weltenreiche gesponnen (na, vier!)
Im Traum geschaute Ungeheuer
Horrend Hornspagat Horribel Horum

Assyria, turbanisch, schnurrbebartet
Szeptern überprank dem Löwen – Kolosz

Persia, bekrönt, vollbebartet
Szeptern prachtgewandet über dem Bären – Hungertier

Graecia, Diadochenreich
Szeptern, vierkopfgeflügelter Leopardus – Schnellkatze

Roma, halbliegender Umhelm
Szeptern, ziegenbockgesotten windkopfrauchfigürlich

Oh Septendrio
Oh Occidens
Oh Merides
Oh Oriens

Winde, flieht… hooooooooooooooo

Oh Boreas
Oh Zephyrus
Oh Avster
Oh Svubsolanvs

Ich dachte mir bei der Erwähnung der Kalenderscheibe und dem Hinweis auf die Mondin, daß es sich dabei um das Wurstelwerk des Straßburger Münster handeln könnte, das man bereits vom Schwarzwald aus mit seinem einzigen Turmfinger aufragen sah, denn es ist ja nur ein einziger; den zweiten dachte man sich wohl aus, baute ihn aber nie. Und jeder durfte mal eine Kelle Vogesensandstein hinschmieren, so daß am Ende ein genial-bastardhaftes und ungleichmäßiges Bauwerk mit Sonnenlichtspielereien entstanden war. Vom Sandkuchen zum Sandstein mit seiner übergeschnappten Geometrie. Diana und Apollo, die Weltreiche, die Winde… alles da. Was immer der Rest bedeuten mochte, war mir nicht ganz klar. Babylon, das Münster. Eine Analogie auf den Turm? Ich nahm das Moleskine an mich und wollte mir die Rätsel etwas aufsparen. Bevor ich mich jedoch näher mit den wirren Notizen herumzuplagen gedachte, wollte ich noch einmal auf die Straße hinaus. Ich trat die querulanten Stufen hinunter und sah, daß Madame Blandot nicht mehr an der Rezeption saß. Das ganze Haus wirkte mit einem Mal wie seit langem verlassen.
Und das ist es auch, mein Lieber. Aber ich sage dir noch etwas Besseres: Dieses Hotel gibt es überhaupt nicht – bewege dich nicht zu weit weg, sonst wirst du nicht mehr zurückfinden. Die ganze Stadt verschwindet!
Die Stadt wirkte auf den ersten Blick nicht als würde sie verschwinden. Neblig und dumpf griff die Atmosphäre nach mir, die Gebäude erweckten den Eindruck, als seien sie aus einem einzigen Klumpen gemacht, ihr überwiegender Ton war schwarz, doch hatte es etwas mit dem Licht zu tun, das von dieser zugezogenen Sonne rührte. Es war nicht die Zeit für einen gemütlichen Spaziergang.
Aber ja! Hoch hinaus geht der ganze Dust, ich seh‘ der Fassade nicht zum Hals hinaus, bleibe am Brustring hängen. Dort wabert, was von der Straße sich erhebt und stinkt – es stinkt ja auch in mir: Blick und Gestank, die treffen sich da, wo die Wolken herunterfallen und ein Dach verbergen – ein Dach, das ich überhaupt noch nicht gesehen habe. Kein Wunder, daß die Sonne aussieht wie ein geblendetes Auge, in dem die Glut noch erlöschend fackelt. Will erlöschen! Will erlöschen! Geht aber einfach unter, nachher, wenn ich wieder im Haus bin. Da habe ich mir etwas eingebrockt. (Suppensprichwort: Simsalabim, was ist da drin?- es ist das Zeuch von gestern!)
Es ist ja nichts weiter. Ich will nach Babylon, da kommt man durch gehörig krumme Städte. Man muß sich schon etwas gefallen lassen, wenn man weiß, daß man einfach etwas weiter von sich wegtreten muß, dann ist man auch schon da.
„Was bist du für eine Stadt?“
Die Stadt antwortete nicht. Eine kluge Frage, das versteht sich von selbst, wiegt jede Antwort auf, da war die Stadt einer Meinung mit mir. Sie zog meinen Blick wie zufällig auf ein Schild, Artikelpreisend, das Beste Restaurant seit El Bulli, die besten Brötchen in… gab es je wirklich eine Stadt ohne Namen? – sie merkte sich meine Frage. Eines Tages würde sie darauf zurückkommen.
Ich begab mich wieder in mein Zimmer, denn die Müdigkeit griff nun herzhaft in mich hinein. Ich traf keine Menschenseele unterwegs, nicht einmal eine streunende Katze. Madame Blandot blieb ebenfalls unsichtbar.
Ich zog mich nicht aus und warf auch nicht die Tagesdecke zurück, die mit ihrer fetten Blumendarstellung jegliches Wohlgefühl zu ersticken drohte, sondern warf mich in voller Montur auf das wattige Monstrum. Die unmöglichen Tapeten und lächerlichen Zierkarniesen aus Stuck hypnotisierten mich auf der Stelle und ich schlief ein.


Fünftes Tableau

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