XXXVIII. Babylon war ein verschwommener Zug

Babylon war ein verschwommener Zug, der am Horizont vorbeihastete und hinter diesem dicken Nebel verschwand, der sich wie Milch im Kaffee der Nacht ausbreitete. Babylon war die perfekte Mischung aus Utopie und Historie, ein Gleichnis für die Archäologen und die Menschheit insgesamt – viel näher als ein anderes Paradies, viel wirklicher als eine erfundene Hölle. Alle anderen großen Städte danach waren lediglich eine Kopie des Unfaßbaren. Die Stadt war uralt. Sie war so alt, daß nicht einmal die Patriarchen ihre Uranfänge kannten. Hier begann der Mensch, zum ersten Mal Steine aufeinander zu schichten, sich von der Erde zu empören.
Ich kam jedesmal ein bißchen südlicher heraus, aber immer in der Wüste. Bei meinem ersten Besuch schien es sehr spät gewesen zu sein, aber das Schillern und Glimmern vor mir war unermeßlich. Als wäre der Sternenhimmel auf die Erde gefallen loderte die Atmosphäre wie mit Gold-, Silber- und Diamantenstaub erfüllt.
Zunächst war es jedoch nur ein Traum; ich überflog aus großer Höhe ein farbenprächtiges Gebiet, das sich ausdehnte und verwandelte. Der Traum schien ein Verbindungsstück zu allen möglichen Welten zu sein, und nicht jener Traum, der den Rationalisten so viel Rätsel aufgab, daß sie darüber verrückt wurden. Man betritt ihn - wenn man ihn wie eine Kammer betrachtet, deren Wände hin- und her zucken, auf- und ab wabern, immer von einer unbestimmbaren Größe - durch den Schlaf und kann von dort aus überall hin gehen, ja, ich glaube, der Traum ist ein langer und beweglicher Flur, der nichts mit einem Hausflur zu schaffen hat; vielmehr erinnert er an ein Intestinum mit lichtdurchfluteten Wänden. Man gibt seinen Körper ab, hängt ihn entweder selbst an den Haken einer interstellaren Garderobe, oder man übergibt ihn der Garderobiere und bekommt eine Nummer zugewiesen, eine, die man sich leicht merken kann, weil man vielleicht selbst von der Art dieser Nummer ist. Eine Nummer gleicht niemals einer anderen Nummer, unabhängig von ihrer eventuell gleich lautenden Potenz. Bekäme ich eine 7 und jemand anders bekäme ebenfalls eine 7, so wären diese beiden Zahlen dennoch nicht identisch.
Also, der Körper hängt da (In Wirklichkeit liegt er irgendwo herum, eingemummelt in irgendwelche Decken, und schnarcht oder atmet nur ganz leicht), man reibt sich seine Hände (die jetzt Traumhände sind), und geht einfach los. Wegweiser gibt es dort keine, und das ist der Grund, warum man sich allzuleicht verirren kann. Solange man den Traum jedoch nicht in eine andere Richtung verläßt, gelangt man durch das Erwachen des Körpers binnen einer Nullzeit wieder in die Scheinwirklichkeit zurück, in der man sich wohl fühlt, in der man sich Stullen schmiert und das Gefühl von Festigkeit imaginiert. Es ist wie das Absinken einer Schwingung, durch die wir endlich auch die ganze Materie geschaffen haben, First-Class-Götter, die wir nun einmal sind. Da also wieder hin, in die Bananwelt. Geht man jedoch einem Ziel entgegen, raus aus dem Intestinum, in einen ganz bestimmten Bereich hinein – zum Beispiel Babylon – , dann genügt es keineswegs, auf der anderen Seite erneut einzuschlafen, um zurückkehren zu können. Noch weiß ich nicht, warum das so ist, ich selbst kannte meinen Weg, ich war seit langem darauf vorbereitet, aber ich traf auch jene, die irrsinnig wurden vor Angst, weil sie schliefen und keine Träume mehr bekamen. Ich konnte ihnen nicht helfen, sonst hätte ich mich zu erkennen geben müssen – es war von vorneherein sehr schwer, nicht aufzufallen. Des Weiteren konnte ich mich auf die Aufzeichnungen aus Rodriguez‘ Bibliothek verlassen, die sogar von den Teleskopen sprachen, die ich in Babylon mit eigenen Augen zu sehen bekam.
Wenn wir eine Einheit sind, sagte Rodriguez, und das sind wir -, dann ist alles in uns bereits enthalten. Wir erkennen Flora und Fauna und gliedern sie in unsere Mythen ein, in denen wir wiederum das beschreiben, was wir anders nicht zu benennen wissen. Und später, wenn wir einiges darüber herausgefunden haben, das sich in ein System gliedern läßt (weil wir es immer so machen und weil wir glauben, es so machen zu müssen)… tja, benennen wir es sozusagen ‚konkret‘, aber vergessen genau das, was wir früher noch wußten… und damit vergessen wir den Code, wie wir Märchen oder ähnliches lesen sollten.


Fünftes Tableau

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