Zum Roman

I,

1968 veröffentlichte John Barth seine Sammlung LOST IN THE FUNHOUSE. Fiction for Print, Tape, Live Voice, in der er konsequent eine Abwendung von traditionellen Erzählstrukturen vollzieht. In diesen vierzehn Stücken ist das Hauptthema die Unendlichkeit; die Welt ist nicht erklärbar, sie ist das Produkt unendlich vieler subjektiver Verzerrungen. Was heute wie eine Binsenweisheit klingen muss, stellt das eigentliche Problem des Schriftstellers seit der Romantik dar, dann nämlich, wenn er seinem Stoff eine Form geben will, die der Auffassung des Romans - dem problematischsten Stück in der Literatur - gerecht werden will. Es steht ausser Frage, dass die Theorie des Romans selbst schon zum Problem wird, denn auch sie unterliegt letztendlich der subjektiven Verzerrung.

II,

Wenn das Erzählen Bandbreite ist und mehr ausmacht als auf-zählen, bekommt das Erzählen den Zustand des er-legens, er-kennens; man mag es weiterführen, denn wo immer ein intransitives Verbum in Verbindung mit er- transitiv wird, handelt es sich um eine Besitzergreifung. Das, was gezählt werden kann, nämlich gewisse unruhige Zustände, nehme ich für das in Anspruch, was dem Urzustand entspricht: ich bin was ich sage, was ich nicht sagen kann, bin ich nicht.

III,

Weiter ist der Roman eine Serie. Eine Serie kann durchaus ein Roman sein und Erzählungen enthalten. Geschichten von Geschichten von Geschichten (und auch hier treffen wir wieder auf das, was dem Erzählen verwandt scheint: die Schicht, die ja eine Oberfläche benennt und die so wunderbar zu Konventionen passt, die heute nicht mehr gemacht werden dürfen. Während jedoch das Aufschichten von Geschehnissen an eine Tätigkeit erinnert, haben wir mit dem Erzählen das Pendant: wir zählen nicht mit unserem Körper (es sei denn, jemand möchte die Finger benutzen), sondern erkennen und bekommen ein Gefühl für das Ganze durch unsere Wahrnehmung. Wie John Barth sagt, bleibt uns gar nichts anderes übrig, als immerfort zu erzählen, schließlich leben wir in einer Geschichte, sind dort selbst Protagonist, die Welt ist Schicht, ist Oberfläche. Mit unserem Instrument der Wahrnehmung (ich vereinfache) erst gelingt es uns, auch zu erkennen, und wir zählen, was wir beobachten. Ich lege ein besonderes Augenmerk auf die Situation, die man gerne Szene nennt. Hier sind es Zellen, die zu einem Tableau gehören. Das Print-Medium wird diese Zellen nicht enthalten - ich brauche kaum zu erwähnen, dass dort ebenfalls die Audiospuren fehlen werden.

Michael Perkampus