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Aug 5 10

Der letzte Liebesdienst

von Markus A. Hediger

Genesis 23

Im grössten Schmerz
Ist die Einhaltung des emotionslosen Protokolls
Ein Beweis der Liebe.

Sara stirbt. Abraham trauert, dann macht er sich auf die Suche nach einem Grab für sie. 2 Verse Trauer, 18 Verse Verhandlungen um das Grab. Letztere werden sehr genau beschrieben. Kaum ein Gefühl Abrahams wird darin zum Ausdruck gebracht. Und doch wirken sie tröstend. Das hat zum einen damit zu tun, dass sämtliche Beteiligte, sowohl Verhandlungspartner als auch Zeugen, sich an das rechtliche Protokoll halten, das der Erwerb einer Grabstätte nun mal notwendig macht. Abrahams Wunsch wird nicht verweigert. Er wird, als es um den Kaufpreis geht, nicht ausgenommen, sein Schmerz nicht zum eigenen Vorteil missbraucht. Zum anderen aber auch damit, dass Abraham, trotz des Verlusts seiner Frau, umsichtig bleibt, mit Bedacht die Grabstätte wählt und, als sie ihm als Geschenk angeboten wird (auch wenn dies – einigen Kommentatoren zufolge – zur damals üblichen Verhandlungspraxis gehört), auf einer finanziellen Transaktion besteht. Seine Wahl fällt auf ein Grab in der unmittelbaren Nachbarschaft Mamres, jenem Ort also, an dem die drei Engel ihm und seiner Frau erschienen und die Geburt Isaaks ankündigten. Und seine Wahl fällt auf ein Grab mit zwei Höhlen.

Ein sehr stilles Kapitel.

(Andere Kommentatoren weisen daraufhin, dass das Grab, welches Abraham erwirbt, sich in jenem Land befindet, das Gott den Nachkommen Abrahams versprochen hat und Abrahams Kauf somit auch ein Zeichen seines Vertrauens darauf ist, dass Gott sein Versprechen halten wird. Es sei, als rammte Abraham mit dem Kauf des Grabs einen Pfahl in dieses Land als Zeichen seines Anspruchs darauf. Das ist – mit Verlaub – eine unnötig theologisierende Lesart dieses Kapitels. Der Text spricht von Saras Tod und ihrer Bestattung. Punkt.)

Aug 4 10

Keine grössere Liebe

von Markus A. Hediger

Genesis 22

Verraten soll der Vater
seine Vaterliebe.
Sprachlos.

Es gibt keine grössere Liebe als die zwischen den Eltern und ihrem Kind. Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als den Verlust der eigenen Tochter. Und dennoch zögert Abraham keinen Augenblick, als er von Gott den Auftrag erhält, seinen Sohn Isaak zu opfern. Mit keinem Wort erwähnt der Text Abrahams Gemütsverfassung. Es muss, denkt man als Leser, ein Weg bis zur Opferstätte zurückgelegt werden, da wird, während er mit seinem Sohn unterwegs war, Abraham einiges durch den Kopf gegangen sein. Der Text verrät nicht, ob dies tatsächlich der Fall war, oder wenn ja, was es war. Der Sohn, im Unklaren darüber gelassen, dass er das Opfertier ist, hingegen wundert sich, dass sie keines dabei haben. Abraham beruhigt ihn. Der einzige Hinweis, dass dies ein schwerer Gang war für den Vater, findet sich im allerersten Satz des Kapitels: “Gott versuchte Abraham”, d.h., er unterzog ihn einer Prüfung, das ganze ist für Gott von Anfang an eine Inszenierung. Davon aber ahnt Abraham, anders als der Leser, nichts. In diesem einen, einzigen Wort klingt an, dass es für Abraham nicht einfach gewesen sein muss. Vielleicht aber, denke ich jetzt, kommt gerade in der Sprachlosigkeit das ganze Ausmass seines Schmerzes zum Ausdruck. Nur, fragt man sich als Leser dann, weshalb gehorcht Abraham?
Auch nachdem Gott die ganze Übung abbrechen lässt und Abraham für seine Bereitwilligkeit, Gott das ihm Teuerste zu opfern, reichen Lohn verspricht, bleibt ein fader Nachgeschmack. Vielleicht gerade wegen dieses Lohnes. Ein Vater liebt seinen Sohn umsonst.

Aug 3 10

Sei böse

von Markus A. Hediger

Genesis 21

Der Mensch tut Böses
Der Mensch will’s verhindern.
Doch Gott heisst es gut.

Es ist mir ein Rätsel, wie man, als gläubiger Christ, dieses Kapitel lesen kann und dennoch am Glauben, zu wissen, was Gottes Wille ist und was nicht, festhalten und sich anmassen kann, über die Taten anderer zu urteilen.
Nach allen Regeln der menschlichen Moral und Ethik handelt Sara, als sie Hagar und Ismael nach der Geburt ihres eigenen Sohnes in die Wüste jagt, aus niederen Motiven heraus. Abraham will sie zwar davon abhalten (nicht etwa, weil er es für eine böse Tat hielte, sondern weil ihm der Junge, den er mit seiner Magd gezeugt hatte, ans Herz gewachsen war), aber Gott befiehlt ihm, Saras Wunsch zu erfüllen. Damit sich Gottes Pläne für Ismael erfüllen, muss ihm dieses Unrecht widerfahren.
Ein Kapitel mit einer schwierigen Aussage. Rechtfertigt es Unrecht mit dem Recht, das daraus erwächst?

Jul 11 10

Alle Männer tun es

von Markus A. Hediger

Genesis 20

Gesündigt weil belogen
Strafe droht jedoch dem Sünder, nicht dem Lügner.
Ein starkes Stück.

Es ist schon auffallend, mit welcher Bereitwilligkeit die Männer ihre Frauen (seien es Töchter oder Gattinnen) hergeben, um ihre eigene Haut zu retten. In diesem Kapitel wendet Abraham die selbe Taktik an, auf die er bereits in Ägypten zurückgegriffen hatte: Er befindet sich als Fremder in einem fremden Land und gibt, aus Angst, man könne ihn umbringen, um seiner Frau (sie muss sehr schön gewesen sein, da ihr Anblick offensichtlich starke Begehrlichkeiten auslöste) habhaft zu werden, Sara als seine Schwester aus. Die Ägypten-Episode wiederholt sich. Abimelech nimmt Sara zu sich, doch dann schreitet Gott ein (diesmal in einem Traum), um zu verhindern, dass der König sich an ihr vergreife. Wie in Ägypten der Pharao, so stellt auch Abimelech in Gerar Abraham zur Rede. Und diesmal antwortet Abraham. Er rechtfertigt sein Tun, indem er sagt, er habe ja gar nicht gelogen, Sara sei tatsächlich seine Schwester, eine Halbschwester zwar nur, aber Schwester doch.
Und wieder kommt Abraham ungeschoren davon. Gott weist nicht ihn zurecht, sondern den König. Es ist der König, dem grosses Unheil angedroht wird für etwas, wofür er, wie auch Gott zugibt, keine Schuld trägt.

Jul 8 10

Wie du mir, so ich dir

von Markus A. Hediger

Genesis 19

Macht mit ihnen, was ihr wollt!
Sowas vergisst die Geschichte nicht
und gesteht ihnen jenem gegenüber, der so spricht, dasselbe zu.

Was für ein Kapitel… Über alles zu schreiben, was mir während der Lektüre aufgefallen ist, würde den ganzen Tag beanspruchen. Ich beschränke mich deshalb auf Lots Beziehung zu seinen Töchtern. Lot hat zwei Engel bei sich aufgenommen und die gesamte Stadt fordert von ihm, dass er seine Gäste herausgebe. Es ist ein aufgebrachter Mob, der zu allem bereit scheint. Lot versucht zu besänftigen, verweist auf die Gastfreundschaft und bietet der Menge seine noch unberührten, aber bereits versprochenen Töchter an, dass sie mit ihnen täten, wonach ihnen wäre. Die Menge geht darauf nicht ein, wird handgreiflich, da ziehen ihn die beiden Engel ins Haus hinein und retten so seinen Hals. Es wird im Verlauf der Rettung von Lot und seiner Familie nicht mehr viel über die Töchter gesagt, dass Lots Bereitschaft, sie zu opfern und den schrecklichsten Handlungen auszusetzen, aber von diesen vergessen worden wäre – dem widerspricht die letzte Episode, von der dieses Kapitel erzählt: Lot und seine beiden Töchter haben in einer Höhle Zuflucht gefunden, sind von der Aussenwelt abgeschnitten und für die beiden Frauen stehen die Aussichten, hier einen Mann zu finden, nach eigenem Dafürhalten äusserst schlecht. Also machen sie ihren Vater betrunken und legen sich in zwei aufeinanderfolgenden Nächten zu ihm “dass wir Samen von unserem Vater erhalten”.
Die sexuelle Gewalt, der ihr Vater sie auszusetzen bereit war, vollziehen sie nun an ihm.

Jun 25 10

Der Mensch hat Nerven

von Markus A. Hediger

Genesis 18

Gott verkleidet sich
Damit der Mensch erzählen kann
Auf der Höhe seiner Kunst.

Was für ein Kapitel! Zwei Geschichten, über die sich Bücher schreiben liessen…

Zunächst einmal: Gott, der HERR, besucht Abraham in Gestalt dreier Männer. Er “verkleidet” sich. Literarisch macht es Sinn, denn so erst lässt sich die Begegnung Gottes mit Abraham erzählen. Doch trotz seines Auftritts in drei Gestalten, erkennt Abraham sie bzw. ihn sofort.
Wunderschön, wie detailreich erzählt wird: Es ist Mittag, heiss, Abraham kauert in der Tür seiner Hütte, die Gäste kommen, er führt sie in den Schatten eines Baumes.
Er wäscht ihnen die Füsse, lässt ihn ein Mahl bereiten: Das sei schliesslich der Grund, weshalb sie zu ihm gekommen seien – dass er sie bewirte.
Die Gäste wiederholen nochmals das Versprechen, diesmal jedoch mit Ansage: In einem Jahr werde ihm ein Sohn geboren sein. Anders als Abraham, der im Kapitel zuvor nur im Herzen gezweifelt hatte, lacht Sarah, als sie es hört, laut heraus.

Dann brechen die Gäste nach Sodom auf und Abraham begleitet sie ein Stück weit. Nun beginnt ein eigenartiges Selbstgespräch Gottes. Es scheint ihm unangenehm zu sein, dass Abraham ihn begleitet. Wie soll er Abraham bloss beibringen, was er mit Sodom vorhat? Und erlaubt sich, noch immer im Selbstgespräch, eine Debatte über die Vorgänge in der Stadt. Schwere Sünden würden da begangen, wenn wahr ist, was ihm durch das Geschrei (das ich als durch das ebenso grosse Leid verursacht verstehe) zu Ohren gekommen sei. Er wolle sich das also mal genau ansehen. Abraham aber scheint bereits zu wissen, was Gott dort antreffen wird, und weiss auch, wie Gott darauf reagieren wird. Da stellt er sich Gott in den Weg und beginnt mit ihm um die Rettung der Stadt zu feilschen. Und Gott lässt sich darauf ein.

Jun 22 10

Versprochen ist versprochen, oder?

von Markus A. Hediger

Genesis 17

Du versprichst, versprichst
Doch du tust nichts.
Worte reichen nicht – und seist du Gott.

Seit nunmehr 5 Kapiteln, seit Gott sich dem Individuum zugewandt hat, dreht sich die Geschichte um die Verheissung Gottes an Abram, dass er der Vater vieler Nachkommen sein werde. Immer wieder wird dieses Versprechen wiederholt, doch nichts geschieht. Inzwischen ist Abram 99 Jahre alt, ein alter Mann, und wieder verspricht Gott ihm dasselbe. Er verstärkt sein Versprechen diesmal noch dadurch, dass er Abram in Abraham umtauft: “denn ich habe dich gemacht zum Vater vieler Völker” (man bemerke das Partizip Perfekt). Bekräftigt wird auch der Bund zwischen Gott und Abraham, doch diesmal verlangt Gott eine Gegenleistung. Als Leser erwartet man in dieser so etwas wie Gottesfurcht oder Frömmigkeit, statt dessen verlangt Gott “lediglich”, dass alle Männer in Abrahams Haushalt sich beschneiden. Abraham, obwohl er in seinem Herzen an dem Versprechen zweifelt und in Ismael, Hagars Sohn, seinen Hoffnungsträger sieht, zögert er keinen Augenblick, die Beschneidung an allen Männern seines Haushalts vorzunehmen.

Jun 20 10

Eigenartige Indifferenz

von Markus A. Hediger

Genesis 16

Gott kümmert’s nicht
Was der Mensch dem Menschen tut.
Verlangt nur, dass es weitergehe.

Die zahlreichen Nachkommen, die Gott dem Abram versprochen hat, lassen auf sich warten. Auf Anraten seiner Frau nimmt Abram sich die Magd Hagar, diese wird schwanger, Sarai, die kinderlose, fühlt sich gedemütigt. Hagar flieht.
Trotz des menschlichen Dramas, das sich hier abspielt, lohnt es sich, Gott im Auge zu behalten: Er weist nicht etwa Abram für seinen mangelnden Glauben an sein Versprechen zurecht. Auch Sarai, auf deren Vorschlag hin ja alles erst ins Rollen kam, kommt ungeschoren davon. Sie behandelt ihre Magd wie Dreck, Gott mischt sich nicht ein. Er lässt die Menschen machen. Hagar flieht und da erst meldet sich Gott bei ihr. Er verspricht ihr zahlreiche Nachkommen. Wie bei Abram schon aber hat dieses Versprechen einen Haken: Der Sohn wird ein hartes Leben haben.
Die Beziehung, die sich zwischen Gott und den Menschen entwickelt, ist eine seltsame. Noch ist völlig unklar, weshalb der Mensch sich auf diese einlässt, was es mit dieser Beziehung auf sich hat, dass sie dem Menschen das harte Los, das sie mit sich bringt, wert ist (Hagar soll zu Sarai zurückkehren und sich weiter von ihr demütigen lassen, und sie tut’s). Ist es nur die Aussicht auf die vielen Nachkommen? Wenn ja, weshalb ist eine reiche Nachkommenschaft offenbar untrennbar mit Leid verbunden?

Jun 19 10

Wer mit Gott einen Bund eingeht…

von Markus A. Hediger

Genesis 15

Ich verspreche dir
dass es Folgen haben wird.
Die zwei Seiten eines Bundes

Das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen ist von Zweifeln geprägt. Gott muss sein Versprechen an Abram wiederholen und spezifizieren, nicht nur Nachkommen werde Abram haben, sondern auch Land. Das Versprechen mit den Nachkommen glaubt ihm Abram, aber das mit dem Land… Abram will ein Zeichen. Abram bereitet ein Opfer vor, fällt aber in einen tiefen Schlaf. Es ist ein schrecklicher, von bösen Träumen geplagter Schlaf, in dem er das Leid zu sehen bekommt, das seine Nachkommen erwartet. Erst danach fährt ein Feuer zwischen das vorbereitete Opfer.
Das Zeichen, das Abram von Gott forderte, scheint nicht so sehr das himmlische Feuer gewesen zu sein, das ohne Abrams Zutun ins Fleisch fuhr, sondern der Traum, in dem Gott Abram zu sagen scheint: Mit meinem Versprechen meine ich es ernst, denn es wird dich und deine Nachkommen teuer zu stehen kommen. Der Bund, den Gott mit Abram schliesst, ist keine einseitige Angelegenheit. Wer mit Gott einen Bund eingeht, muss bereit sein, für die Folgen, die daraus erwachsen, geradezustehen.

Jun 18 10

Mensch sind wir

von Markus A. Hediger

Genesis 14

Macht erzeugt
Könige.
Und immer sind es zu viele.

Ein in seinen Details wunderschönes Kapitel. So viele Namen, so viele geographische Details, so viele Mächtige, die sich bekämpfen, zudem ein Guter hier, der seinem Bruder, der in Gefangenschaft gerät, zur Hilfe eilt, dort die chancenlosen Bösen, ausserdem Verbündete, Verhandlungen über die Aufteilung der Kriegsbeute, dass man sich an den “Herrn der Ringe” erinnert fühlt.
Was erstaunt, ist die Königsdichte auf einem Fleckchen Land. Plötzlich sind sie alle da, in einem geopolitischen Setting, das zwangsläufig zu Krieg führen muss – wer Macht hat, will mehr davon, wer Macht besitzt, dem wird sie nicht gegönnt.
Gefangene werden gemacht, auch Lot mit seinem ganzen Hab und Gut gerät unter fremde Herrschaft. Da bildet Abram ein Heer aus seinen Knechten und zieht in den Krieg, befreit Lot und alle anderen Gefangenen mit. Man will sich ihm gegenüber erkenntlich zeigen, doch Abram winkt ab: Niemand soll sagen können, ein König habe ihn reich gemacht.

Was sich bereits am Anfang der Geschichte Abrams abzuzeichnen begann, wird nun immer deutlicher: Zwar spielt Gott noch immer eine wichtige Rolle in allem Geschehen, aber immer wieder verschwindet er im Hintergrund, damit der Mensch sich um seine Angelegenheiten kümmern kann. Das Leben stellt Anforderungen, die nicht einfach ignoriert werden können. Familie verpflichtet, Reichtum muss beschützt werden. Die Perspektive, aus der erzählt wird, ist die des Menschen. Eigeninteressen sind legitim.