Deshalb schlaflose Nächte.

1
Das gestrige konkretisierend (weil das, was mir partout nicht aus dem Kopf will, nicht die verloren gegangene Physik ist, sondern das, worauf sie nicht mehr wirkt):

2
Wo die Physik aufhört zu wirken, lösen sich Beziehungen auf, gehen Dinge verloren. Der Verlust des Hausrats während unserem Brasilienaufenthalt und der anschließenden Rückkehr in die Schweiz hätte ein erstes Alarmzeichen sein können, doch damals empfand ich den Abfall von Hab und Gut noch als Erleichterung. Mit zwei Koffern bewegt es sich freier als mit einem Schiffscontainer im Schlepptau. Anders meine Frau, die ich nicht Yolanda nennen darf, da sie sich – anders als ich - in den vergangenen beiden Jahren nur allzu gut wiedererkennt, ihr Leiden an mir überdauerte jeden Verlust. Und jeder weitere Verlust bewirkte neues Leid: Sie kämpfte mit mir, als ich unsere von Schimmel und Moder zerstörten Möbel hinaus auf die Straße trug.

3
Sprache will in den Körper. Sie drängt in die Welt, weil nur dort sie sich erfüllt. Zurück in der Schweiz schrieb ich Bewerbung um Bewerbung, die allesamt nicht bewirkten. Meine Sprache lief ins Leere und kehrte unerfüllt zu mir zurück. Darauf war ich nicht vorbereitet gewesen: Vor zwei Jahren noch war meine Sprache das gewesen, was mir Arbeit gab und mir Arbeit war.

4
Deshalb schlaflose Nächte: Sprache, die sich mir im Kopf drehte und verzweifelt eine Bewegung für meinen Körper suchte, durch die sie in die Welt käme. Doch egal was ich tat, ich fand nachts keinen Schlaf.

5
Als meine Frau schließlich unsere Tochter nahm und mit ihr nach Brasilien zurückkehrte, verlor ich die Welt endgültig. Was bleibt, ist manchmal heftiger, rasender
Schmerz, meist dann auftretend, wenn ich eben mit Frau und Kind übers Internet gesprochen habe, der danach nur langsam zu einem tumben Gefühl abklingt, mit dem man sein Zimmer wieder verlassen kann, weil es die Augen abschwellen lässt.

6
Wo die Physik verloren geht, verliert sich auch die Sprache. Ich bete, und Gott hört nicht zu.

.(JavaScript must be enabled to view this email address) am 02.07.2009

Wie Baquero Brun bin auch ich nicht Kaminski, meine Email Adresse ist frei erfunden. Doch bin ich real, denn diesen Schmerz kann ich nachvollziehen. Der Dorn der in unser Herz sticht und nichts bewirkt, ausser Verzweiflung. Die Sprache bewirkt etwas, so lange, bis wir für ewig schweigen.

.(JavaScript must be enabled to view this email address) am 20.09.2009 um 12:08
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