Navid Kermani: Bilderansichten

Nicht um die Posse um die Aberkennung des Hessischen Kulturpreises an Navid Kermani soll es hier gehen. Die NZZ, die den Stein des Anstosses publiziert hat, hat bereits darauf reagiert, sie hat es klug getan und - noch klüger - die den ganzen Unsinn auslösenden Christen mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Eines vorweg: Ich - ganz eigennützig - bin dem Theater, das Kermani mit seinem Beitrag “Bildansichten: Warum hast du uns verlassen?” Guido Renis “Kreuzigung” dankbar, denn erst dadurch erfuhr ich von ihm.

Jetzt habe ich ihn gelesen. Und ich - als Christ - muss ihm in praktisch allen Punkten zustimmen. Ich teile seine Kritik an der Leidensverherrlichung, auch ich empfinde ein tiefes Unwohlsein angesichts der Kreuzesverehrung, die unter Christen weit verbreitet ist. Wenn Kermani schreibt:

Nebenbei finde ich die Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich, ein Undank gegenüber der Schöpfung, über die wir uns freuen, die wir geniessen sollen, auf dass wir den Schöpfer erkennen.

dann kann ich “im Herzen verstehen”, was er damit meint. Aber: Was er an Renis “Kreuzigung” so bejaht, nämlich die vollständige Abwesenheit von Blut und Leiden, ist das, was mich an diesem Bild so befremdet. Ein Mensch, der am Kreuz hängt und keinen Tropfen Blut dabei vergiesst? Ein Mensch, der ans Holz genagelt ist und dabei keinen Schmerz empfindet? Weshalb - hier mein einziger Kritikpunkt an Kermanis Aufsatz - weshalb sollte das Aufzeigen von Leiden körperfeindlich sein? Leiden gehört zur Erfahrung des Menschseins (der nun mal Körper ist) wie auch alle Freuden, die dem Menschen, gerade weil und nur weil er einen Körper besitzt, so eigen sind. Die christliche Schindluderei (im wahrsten Sinn des Wortes!) beginnt da, wo Christus auf dieses Leiden und die ihm folgende Auferstehung reduziert wird.
Gemäss christlicher Lehre war Jesus Christus ganz Gott und ganz Mensch. Sein Leiden am Kreuz darf man ihm nicht nehmen, man nähme ihm seine Menschlichkeit. Der Fehler, der in meinen Augen von vielen Christen begangen wird, besteht darin, dass nun alles Menschsein Jesu auf dieses Kreuz hin gedeutet wird, während es für mich der letzte nachdrückliche Beweis seiner Menschlichkeit ist und mich den Blick zurückwerfen lässt: Wenn da am Kreuz nicht ein Gott hing, sondern ein Mensch, dann lass mich schauen, was für ein Leben er geführt hat. Vielleicht finden sich in seiner Biographie Hinweise darauf, wie ich selber Menschsein voll entfalten kann. Wobei auch hier mit aller Sorgfalt vorzugehen und der einfache Weg zu vermeiden ist: Nicht aus dem Leben Jesu einen – quasi ex negativo -  Sündenkatalog erstellen, wie wir Christen es gerne immer und immer lieber immer wieder tun, sondern es als Anlass nehmen, über das Menschsein an sich nachzudenken. So einfach ist – wer das versucht – nicht.
(Über die Menschwerdung Gottes, die für das Judentum und den Islam inakzeptabel ist und sein muss und mit der auch wir Christen uns ein mächtiges Problem aufgeladen haben, soll nächste Woche in meinem Gastbeitrag für den Turmsegler eingegangen werden. Ich werde von hier aus zu gegebener Stunde darauf verlinken.)

 

Religion |
Markus A. Hediger am 21.05.2009
(0) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink

Die Welle vom 20.05.2009

>>> Hintergründiges aus dänischen Pornofilmen, via swiss miss

Die Welle |
Markus A. Hediger am 20.05.2009
(1) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink

Missing Link?

“Norwegian team reveals ‘missing link’ -Creationists heads explode!”
>>> Democratic Underground

Da hab ich mich zu früh gefreut. Denn:

“Kein direkter Vorfahre von Mensch und Affe.”
>>> Tages-Anzeiger vom 20.05.2009

“Obwohl es eine Menge Missing Links in der Evolution gibt, verstehen viele Menschen darunter eines: das von Wissenschaftlern seit langem gesuchte evolutionäre Verbindungsglied zwischen Affe und Mensch. Sozusagen der Heilige Gral der Paläontologie. Eins aber ist schon jetzt klar: Darwinius ist - wenn er überhaupt einer ist - sicherlich nicht dieser Missing Link.”
>>> Spiegel Online, 19.05.2009

Da können die Kreationisten nochmal aufatmen.

Religion | Natur |
Markus A. Hediger am 20.05.2009
(0) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink

Die dunkle Nacht der Seele.

“[But] as for me, the silence and the emptiness is so great, that I look and do not see, — Listen and do not hear — the tongue moves [in prayer] but does not speak ...”
Mutter Teresa

Vor nun bald zwei Jahren bin ich erstmals auf diesen Artikel auf Time.com gestossen. Nahezu ein halbes Jahrhundert lang bis zu ihrem Tod litt Mutter Teresa unter der Abwesenheit Gottes in ihrem Leben. Ungeheuer stark, wie sie diese Einsamkeit in ihren Briefen formuliert.
Jetzt lese ich den Artikel nochmals und bin etwas enttäuscht sowohl über die theologischen als auch psychologischen Erklärungsversuche. Dieses Bild der verlassenen Frau, die an ihrem Geliebten festhält und gleichzeitig in seinem Namen ein Riesenwerk vollbringt, muss nicht erklärt werden (darf nicht erklärt werden, aus rein literarischen Gründen, denn die Briefe sprechen für sich, hatte ich schreiben wollen, aber heutzutage darf man Gott sei Dank alles.)

Ein langer Artikel, der dann am Stärksten ist, wenn er aus Mutter Teresas Briefen zitiert.

Religion |
Markus A. Hediger am 20.05.2009
(0) KommentarePermalink
Seite 6 von 6 « Erste  <  4 5 6