SkyFiction: Lichterloh

In dieser neuen Reihe dienen alte - vor allem biblische - Geschichten als Ausgangspunkt für neue Erzählungen. Es wird damit keinerlei theologischer Anspruch erhoben. Was interessiert, sind Geschichten als Stoff für Geschichten.
Es geht los mit Genesis 1.
Musik: “I See a Darkness”, von Johnny Cash.

PDF-Datei zum Mit- oder Nachlesen.

Download der Audio-Datei. 3’10’’

am 27.06.2008

Oh, das wird spannend und fängt gut an.
Nur, wie lange müssen wir warten auf Judith?! (Oder ist das abgesehen vom Anfang nicht chronologisch?)

La Tortuga am 27.06.2008 um 19:56

Die Judith, ja, auf die freu ich mich auch schon… aber es wird noch ne Weile dauern, fürchte ich, denn ich lese gerade die Bibel in der neuen Zürcher Übersetzung - sagenhaft gut und unkonventionell, übrigens - und hab erst angefangen. Und wie ich so fortschreite, mache ich mir Notizen, sammle Ideen.

Markus am 27.06.2008 um 20:22

Das ist aber nicht die genderkorrekte Version, oder? Das bisschen, was ich davon gehört habe, klingt geradezu dumm, die Geistin und so.
Ja, eine Fundgrube von Buch ... Ich bin zwar bibellos oder bibelfrei (je nachdem) aufgewachsen, aber man muss diese grossen Dichter einfach lesen. Ist auch agronomisch interessant, die alttestamentarische Viehzucht. :-)
Ich habe nur eine spanische Ausgabe; auf Deutsch halte ich das Vokabular nicht aus, gegen das ich als Kind konditioniert wurde, weil böse und schlecht fürs selbstständige Denken, hiess es (das wird Dich wundern, oder? Auch das andere Extrem hinterlässt Hypotheken.)

La Tortuga am 27.06.2008 um 21:16

Die feministischen Theologinnen haben sich sehr enttäuscht über die neue ZB geäussert, was ich für ein gutes Zeichen halte, denn Literatur, die sich um Genderkorrektnes bemüht, ist schlechte Literatur. Und noch schlechter wird sie, wenn man einen bestehenden Text meint dahingehend abändern zu müssen. Was auf der Kanzel gepredigt wird, ist mir egal, da darf von Geistin und Göttin und Jüngerinnen und Apostolinnen und Dämoninnen die Rede sein - aber was zwischen zwei Buchdeckeln steht, steht auf einem anderen Blatt.

Zur Konditionierung: Natürlich passiert die, aber nicht durch die Bibel selbst, sondern in den Kirchen und Sonntagsschulen. Ich habe viele Jahre gebraucht, um den Reiz dieser alten Texte wiederzuentdecken. Jetzt aber kann ich mich ihm kaum entziehen, zumal meine Geschichten in ihnen wurzeln. Da kann ich gar nichts gegen tun: Ich bin ihnen ausgeliefert. Aber: Dämonen soll man nicht bekämpfen sondern zu Freunden machen.

Markus am 27.06.2008 um 21:26

Das formulierte neulich Dan Simmons in seinen Writing Well Installments sehr treffend:

“If you’re a great African-American novelist who cannot see into the human soul of a white man or woman because all you see is racism and historical inequity, quit writing fiction. If you’re John Steinbeck who knows every niche in the human heart of the displaced and powerless Oakies but has no clue as to the thoughts and feelings of the lettuce-growers and ranchers, admit defeat and do not publish fiction. (Or, if published, have your ghost call back the books and have them posthumously pulped.) If you have received the Nobel Prize for your sympathetic fiction-portrayal of the Oppressed and Downtrodden in South Africa but have no real understanding of why the landowner grandsons and granddaughters of colonists acted and thought as they did, pack it in. If you’re the screenwriter who drove Thelma and Louise triumphantly over the cliff of the Grand Canyon in a world where all men be slime, rent a Cadillac and go thou and do likewise.”

Und das gilt ja fürs Übersetzen gleichermassen.

Das Erstaunliche ist, dass ich im eigenen Schreiben auch immer wieder biblische Motive entdecke, unbewusst reingerutscht. Einerseits kann es an der Universalität der Bibel liegen, andererseits aber habe ich in den Jahren meiner Auseinandersetzung (mit mehreren Religionen) - die genauso nötig war, denn ich hatte in dem kalten rationalen Universum der Kindheit ein spirituelles Loch - gemerkt, dass das Christentum nun mal im Abendland kulturell so tief verwurzelt ist, dass sich selbst meine Familie dem Einfluss nicht entziehen konnte. Und dass ich deshalb dazu auch leichter denn Zugang finde als zu anderen Religionen; für mich allerdings eine rein intellektuelle Angelegenheit und was die Bibel betrifft, eine poetische (diesbezüglich muss man jedoch auch die Bücher der anderen Religionen lesen).—Ich habe “Biblische Geschichte” in der Schule geliebt. Kein Wunder. Ausserdem hatte das schon fast den Reiz des Verbotenen. in keinem anderen Heft habe ich so hingebungsvoll gezeichnet.

La Tortuga am 27.06.2008 um 22:19

Zu Dan Simmons: herrlich ausgedrückt und auf den Punkt gebracht!

Zur Bibel (und weshalb vor allem die Bibel): eine von kirchlichem Gelumpe befreite Auseinandersetzung mit diesen Texten enthüllt die Abgründe, die sich darin auftun. Wir Christgeborenen haben verlernt, die Augen auf die Brüche in den Texten zu richten.
Der Reiz der Entdeckung dieser Brüche ist aber, vermute ich, vor allem für jene besonders gross, die mit diesen Texten aufgewachsen sind. Ich würde es mir nie zutrauen, den Koran oder die Heiligen Schriften der Hindi so anzugehen. Text und Leser müssen einander vertraut sein. Es braucht beiderseitiges Vertrauen, damit man einander (a two way street) das Unausgesprochene anvertrauen kann.

Markus am 27.06.2008 um 22:31

Ich hoffe, dass Du unrecht hast (aber vermutlich hast Du recht ...). Vielleicht kommt man so tatsächlich nie bis in die tiefsten Wasser. Dann wiederum ist der Zugang möglicherweise unverstellter, weil man nicht erst die aufoktroierten Interpretationen loswerden muss. Ich habe z.B. vor der Bibel intensiv die Mystiker gelesen und mich dann von dieser Seite her angenähert. Wenn ich mir eine Predigt anhöre, staune ich dann immer, was man daraus auch noch machen kann. Ich habe oft das Gefühl, dass die Bibel in der Kirche eine Art Wellness- und Trostbuch ist und eine Anleitung für “richtiges Leben”. Mich hat sie jedoch beunruhigt und erschüttert, da ist viel Grausames, Brutales, Wahres, unerträglich Schönes, Revolutionäres, Verunsicherndes, Wütendes, Furchterregendes; wenn man keine Höhenangst hat und tief fallen will, muss man die Bibel lesen. (Jetzt bin ich schon unauthorisiert am Heruminterpretieren ...)
Nun ja, es bleibt mir nichts anderes übrig als so zu lesen, wie ich kann, vor dem Hintergrund, den ich habe. Und auf diese Weise werde ich auch den Koran lesen. - Im übrigen bin ich meinen Eltern dankbar, dass sie mich trotzdem zur Unterweisung zwangen, weil sie wollten, dass ich mich nachher selbst dafür oder dagegen entscheide.

La Tortuga am 27.06.2008 um 22:50

Ich hoffe, dass Du recht hast ;-)

Ich hoffe sogar, dass wir beide recht haben. Zwei Leser, zwei Lektüren. Etwas besseres kann einem Buch gar nicht passieren.

Markus am 27.06.2008 um 23:34

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